Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Pflege und Behandlung

Was kann man seiner Gitarre Gutes tun? Natürlich behandelt man sie wie ein rohes Ei und passt auf, dass sich Kratzer, Lackschäden und Macken in Grenzen halten. Generell finde ich, dass man sich aber auch nicht zu sehr grämen sollte, wenn die Gitarre mal einen Kratzer abbekommt. Ein Musikinstrument ist vielleicht ein sehr geliebter, aber doch ein Gebrauchsgegenstand. Die Liebe zu meiner Gitarre beruht darauf, dass sie toll klingt, und dass ich mit ihr Musik mache. Sie sieht auch gut aus, wenn sie an der Wand hängt, aber vor allem weil ich weiß, dass man mehr mit ihr machen kann als mit einem Gobelin!

Wir sind durch industriell gefertigte Gegenstände aus Kunststoffen und mit Kunstharzlacken behandelte Oberflächen in unserer ästhetischen Wahrnehmung stark beeinflusst: Stoßfänger bei "hochwertigen" Autos werden in der Wagenfarbe lackiert (und Reparaturen kosten dann Unsummen), Flachbildschirme kommen im Klavierlackdesign daher... alles muss möglichst perfekt aussehen! Ein Kratzer im Lack ist je nach Art der Lackierung oft praktisch nicht zu reparieren bzw. wäre bei günstigen Gitarren teurer als ein neues Instrument. Also: "Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste", aber - wer schläft sündigt zwar nicht, macht aber auch keine Musik...

Aufbewahrung

anlehnen

Aufbewahrung im Koffer oder in der Tasche ist fein, aber wenn man häufig spielt, muss man das Instrument immer extra herauskramen. Dafür kann man im Winter, wenn es sehr trocken ist (kalte, trockene Luft draußen und trockene Heizungsluft im Haus) die Gitarre durch ein Befeuchterröhrchen o.ä. im Koffer besser vor Trockenrissen schützen.

Wenn die Gitarre einfach so im Gitarrenständer steht oder einer Wandhalterung hängt, muss man ein Auge auf die Luftfeuchtigkeit in der Wohnung haben.

Wenn man seine Gitarre mal an den Tisch lehnt, dann bitte wie im Bild so, dass sie sich an den Wirbeln festhalten kann. Einfach den Hals an die Tischkante ist nicht gut, denn wenn sie erstmal anfängt, zu rutschen...
Drehstühle oder Notenständer sind ganz bestimmt kein sicherer Ankerplatz!

Unfallgefahren

Koffer und Taschen können zur bösen Falle werden, wenn man beim Einpacken vergisst, den Reißverschluss oder beim Koffer die Schnappverschlüsse zu schließen! Man hebt die Kiste hoch, oder nimmt den Rucksack auf die Schultern, und... dann muss man viel Glück haben!
Manche Kofferdeckel bleiben auch nicht gut offen - man will seinen Schatz herausnehmen, und genau dann klappt die Kiste wieder zu, und der Verschluss schlägt in die Decke der Gitarre... "Immer aufpassen" ist die Devise!

Wenn man unbedingt mit einem Plektrum auf seiner Konzertgitarre Akkorde schlagen will, sollte man etwas vorsichtig sein - das gibt leicht Kratzspuren auf der Decke. Western- und E-Gitarren, bei denen man eher erwartet, dass mit dem Plec gespielt wird, haben zum Schutz einen "Pickguard", einen Schutz aus irgendeinem Kunststoff, der hoffentlich stylisch aussieht, Flamencogitarren haben einen Golpeador aus durchsichtiger Plastikfolie zum Schutz der Decke vor Rasguado und Schlägen mit den Fingernägeln.

Die häufigsten Unfälle:

  • Man hat vergessen, den Reißverschluss der Tasche oder den Deckel des Koffers zu schließen, die Gitarre fällt beim Anheben auf den Boden,
  • sehr große Menschen vergessen, sich mit der Gitarre in der Rucksacktasche unter der Tür zu bücken,
  • man lehnt die Gitarre lässig irgendwo an, und sie bleibt nicht stehen,
  • Stürze mit dem Fahrrad oder Longboard,
  • man trägt seine Gitarrentasche horizontal druch eine Drehtür,
  • Gitarre gegen Tisch oder Notenständer,
  • Schrappspuren von enthusiastischem Plektrumanschlag.

Größere Schäden

Um größere Schäden zu vermeiden, sollte man also vorsichtig sein. Und wenn mal etwas passiert ist, sollte man seine Gitarre genau anschauen!

Halsriss
angeknakster Halsfuß

Links:
Der klassische Riss am Ansatz des Kopfes, schräg nach vorne verlaufend.

Rechts:
So einen angebrochenen Halsfuß sieht man natürlich nur, wenn man hinguckt. Das sollte man auch tun, wenn die Gitarre mal umgefallen ist!

Brüche am Kopf und am Halsfuß

Wenn man mit der Gitarre in der Tasche gegen den Fahrradlenker geknallt ist, ist es schlau, hinterher nachzugucken, ob die Gute überlebt hat, oder ob ein Riss das Ergebnis des Missgeschicks ist, um den man sich kümmern sollte.

Die Verbindung Hals - Gitarrenkopf oder der Halsfuß können brechen, ohne dass es sofort auffällt. Große Menschen mit Gitarre in Rucksacktasche sollten sich unter Türen bücken, und wenn die Gitarre allzu sorglos angelehnt wurde und umfällt, sollte man nicht nur oberflächlich nach Macken schauen, sondern die Halsverbindung und den Kopf untersuchen.

Sich lösende Stege

Die Leimverbindung des Steges kann aufgehen, ohne das man es sofort bemerkt. Ab und zu mal schauen, ob der Steg noch fest auf der Decke sitzt! Wenn der Steg hinten abhebt, sofort die Saiten lockern und ab zum Gitarrenbauer! Wenn ein Steg abfliegt, knallt es ganz schön laut, und wenn man dabei gerade übt (ist mir beides schon passiert) erschrickt man sich wirklich ordentlich!

Man muss wegen dieser Dinge nicht immer einen Schuldigen suchen. Eine Leimverbindung ist nur eine Leimverbindung, die Luft ist mal trocken, mal extrem feucht, und man selber hat auch mal einen schlechten Tag und haut mit dem Gitarrenhals gegen eine Ansammlung härterer Moleküle - das Leben ist voller Gefahren, nicht nur für Gitarristen...

sich ablösender Steg

Oben und unten sieht man Stege, bei denen es nur eine Frage der Zeit ist, wann sie von der Decke abgerissen werden. Eine missliche Lage - soll man warten, bis es passiert, oder vorher zum Gitarrenbauer gehen?

sich ablösender Steg 2

Die Verbindung Decke-Zarge

Bei Stürzen platzt auch gerne mal die Verbindung Decke-Zarge oder Boden-Zarge auf. Besonders bei der Decke sollte das nicht verwundern: erstens sind die Leimflächen nicht unendlich groß, und zweitens sorgt der Saitenzug dafür, dass die Decke gerne von der Zarge weg will. Also platzt sie bei Stürzen dann auch öfter unterhalb des Steges, den die Saiten ja nach vorne ziehen.

Decke von Zarge gelöst 1

Nicht leicht zu fotografieren, aber ich hoffe man sieht: die Verbindung zwischen Decke und Zarge ist aufgeplatzt, die Decke ist etwa eine Deckenstärke oberhalb des "Bindings", das oben die Zarge verziert. Kein guter Zustand: sofort die Saiten lockern, und ab in die Werkstatt!
Unterhalb des Umleimers selbst ist unten auch etwas abgeplatzt, was aber nur ein Schönheitsfehler ist.

Decke von Zarge gelöst 2

Saiten, Mechaniken, Putzen, Ölen,

Wer viel spielt darf ab und zu neue Saiten aufziehen! Alte Saiten, vor allem alte Bässe, nehmen der Gitarre viel von ihrem Klang. Auf der E-Gitarre sind die Diskantsaiten am ersten reif für den Austausch: Sie rosten aufgrund des Handschweißes, und Lagenwechsel machen mit der Zeit immer weniger Spaß.

Man kann sich auch angewöhnen, die Saiten nach dem Spielen mit einem Tuch abzuwischen. Das schadet sicher vor allem bei Stahlsaiten nicht. Wenn man beobachtet, dass die Saiten sehr schnell rosten oder die Bässe sehr schnell abgespielt sind und nicht mehr klingen, kann man durch Putzwahn vielleicht wirklich Geld sparen. Menschen schwitzen nicht nur unterschiedlich viel, der Schweiss ist auch unterschiedlich angriffslustig. Es gibt Mittelchen zu kaufen, die angeblich die Saiten länger konservieren und für schnelles Gleiten der Finger sorgen - eventuell mal ausprobieren.

Mechaniken

Mechanik

Beim Stimmen und beim Aufziehen der Saiten merkt man, wenn die Mechaniken nicht mehr glatt laufen. Dann sollte man sich wirklich mit Nähmaschinenöl, WD40 oder synthetischem Öl darum kümmern, denn wenn Zahnrad und Welle nicht mehr zusammenarbeiten, bricht irgendwann der Drehknopf ab. Einer meiner ersten Schüler kam deshalb immer mit einer Flachzange zum Unterricht.

Bei der Mechanik im Bild flogen mir tatsächlich der braune Knopf, die kleine Schraube, die ihn hält und die Abstandshülse um die Ohren! Zu viel Spannung auf den Teilen ist nicht gut.
Außerdem sollte man darauf achten, dass die Schrauben, mit denen die Mechaniken am Kopf befestigt sind (in diesem Foto nicht zu sehen), wirklich fest sitzen.

Mechaniken können kaputt gehen, "schlecht laufen" oder (E-Gitarren!) die Stimmstabilität beeinträchtigen. Ein Besuch beim Gitarrenbauer zur Kontrolle, und ein Austausch durch eine bessere Mechanik können das Handling der Gitarre durchaus verbessern!

Selbst im Onlinemusikgeschäft kann man Mechaniken von 6 bis über 200 Euro kaufen, handgemachte können noch viel teurer sein und - Überraschung: an den billigsten Modellen hat man nicht viel Freude.

Reinigen

Gelegentlich möchte man seine Gitarre vielleicht reinigen. Dafür gibt es im Fachhandel Lackpolitur (bei matter Oberflächenbehandlung genauer nachfragen), und Reinigungsöl für die Ablagerungen auf dem Griffbrett. Wenn die Bundstäbchen wieder glitzern sollen, braucht man sehr feine Stahlwolle. Eine frisch mit Politur gewienerte Gitarre sieht schon schön aus, und duftet eventuell (nach schädlicher Chemie?!) aromatisch. Grundsätzlich hilft aber auch, seine liebste Gitarre vorzugsweise mit gewaschenen Händen anzufassen und häufiger mal mit einem Staubtuch abzuwischen. Für den Staub am Steg unter den Saiten habe ich einen breiten weichen Lackierpinsel - ab und zu wird unter den Saiten gefegt!

Griffbrett vor dem Reinigen

Dieses Griffbrett hätte gerne ein bisschen Reinigungsöl, nachdem die Bundstäbchen mit Stahlwolle gestreichelt wurden... in diesem Zustand lädt es jedenfalls nicht zum Anfassen ein.

Griffbrett geölt

Dasselbe Griffbrett nach ein wenig Zuwendung. Da das Holz ziemlich grobporig ist und mein Putzfimmel doch seine Grenzen hat, sieht es immer noch nicht aus wie ein Ebenholzgriffbrett, aber immerhin.

Besonderheiten bei E-Gitarren

Besonders bei E-Gitarren gibt es viele wichtige Schrauben, die keinesfalls locker sein sollten!

Die Eingangsbuchse für das Gitarrenkabel ist oft mit einer Sechskantmutter gesichert. Wenn die lose ist, fängt die Buchse an, sich mit den Bewegungen des Kabel fröhlich zu drehen. Auf der anderen Seite sind aber dünne Drähtchen angelötet, und die Lötstellen brechen gerne mal ab, wenn die Buchse zu viel Spiel hat.

Die Gurtpins oder Knöpfe, an denen der Haltegurt hängt, sind durch lange Schrauben im Holz befestigt. Wenn diese Schrauben locker sind, kann der Gurt durch Hebelwirkung die Schraube weiter drehen und in der Bohrung hin und her bewegen. Garantiert gewinnt die Schraube gegen das Holz (welcher Qualität auch immer)! Vor allem moderne Strats haben die oberen Gurtpins teilweise in erstaunlich wenig Holz sitzen - da würde ich immer gut aufpassen, dass nichts wackelt!

Reparaturen

Trockenrisse

Die häufigsten Reparaturen sind wohl Risse im massiven Tonholz oder Balken, die sich gelöst haben. Der Gitarrenkorpus ist von innen mit diversen Leisten auf Decke, Boden und zwischen Zargen und Decke und Boden ausgestattet. Sie dienen der Stabilität und dem Klang und gehören zu den großen Geheimnissen der besten Gitarrenbauer! Risse oder lose Balken treten meist im Winter wegen zu geringer Luftfeuchtigkeit auf, oder weil die Gitarre einen zu starken Schlag abbekommen hat. Wenn ein Balken lose ist und schnarrt sollte man beim Gitarrenbauer vorbeischauen. Oft werden störende Geräusche auch nur von Saitenenden, die auf der Decke aufliegen, losen Schrauben an der Mechanik o.ä. verursacht. Trockenrisse sind je nach Lage nicht bedrohlich; man sollte sie aber beobachten und irgendwann reparieren lassen.

Trockenrisse

Oben: Zwei Trockenrisse, die im Winter bei geringer Luftfeuchtigkeit weiter auseinander klaffen.

Luftfeuchtigkeit 1

Hier sieht man, dass selbst eine vermutlich rund 100 Jahre alte Gitarre, die doch alle Trocknungsprozesse hinter sich haben sollte, von 20% Luftfeuchtigkeit nicht unbeeinflusst bleibt: diese Risse sind bei normaler Luftfeuchte geschlossen.

Luftfeuchtigkeit 2

Zarge derselben Gitarre: die Balken auf dem Boden der Gitarre ändern sich in der Länge wenig, während der Boden selbst wegen der trockenen Luft schmaler wird. Die möglicherweise gelösten Balkenenden drücken nach außen und verformen dadurch die Zarge.

Bünde erneuern

Sonst gibt es an Standardreparaturen bei Gitarren eigentlich nur das Erneuern der Bünde. Auf Konzertgitarren zum Glück ein seltenes Ereignis, denn das kostet schon etwas. Achtung bei gebrauchten E - Gitarren! Stahlsaiten und heftiges Vibrato nutzen Bünde stark ab!
Wenn man eine gebrauchte Gitarre erwirbt, und mit der Saitenlage nicht zufrieden ist, oder eine Gitarre zur Linkshändergitarre umgebaut werden soll, kann man versuchen selber etwas zu machen, aber man sollte seine Grenzen kennen: Die Nut für die Stegeinlage umzufräsen ist eher etwas für den Gitarrenbauer, und wenn man für Stegeinlage oder Sattel kein vernünftiges Ersatzstück zur Hand hat, kann ein Umbau auch mal daneben gehen.

Lack restaurieren

Hochglanzlackierungen sind aufwändiger als matte Oberflächen, weil der perfekte Glanz schwierig herzustellen ist. Insofern ist der fromme Wunsch, ein Missgeschick ungeschehen zu machen, das eine Macke oder einen Ratscher im Lack hinterlassen hat meist vergeblich: man muss dann die ganze Fläche neu behandeln, und das wird immer richtig teuer.

Streichinstrumente sind, soweit ich weiß, mit Öllacken versehen, und die kann man anlösen und damit eine einzugrenzende Fläche neu behandeln. Geigenbauer sprechen denn auch mit Kunden oft über "Lack auffrischen", was zwar kostspielig ist, aber eben nicht das ganze Instrument betreffen muss, und somit machbar.

Eine Gitarre mit Schelllackpolitur ist garantiert sehr teuer gewesen, denn dieses Verfahren braucht viele Stunden Handarbeit. Der Lack wird Schicht um Schicht in dünnen Lagen aufgetragen und dann poliert. Das ist zu restaurieren, aber eben auch erst ein Thema bei Instrumenten, die mehrere tausend Euro kosten.