Ulrich Meyer, Gitarre

Notation von Gitarrenmusik << Seite

normale Notation Gitarre

Musik für Gitarre wird im nach unten oktavierenden Violinschlüssel aufgeschrieben. Unter dem Schlüssel steht eine „8“, was bedeutet, dass alle Töne in Wirklichkeit eine Oktave tiefer liegen, als sie aussehen.
Die hohe e – Saite einer Gitarre klingt also acht Töne tiefer als die einer Violine, obwohl sie im Notenbild gleich aussehen (Bei der Violine steht natürlich nicht die "8" unter dem Schlüssel!).

Notation Violine

Notation in Violin/Bassschlüssel

Eigentlich müsste man Gitarrenmusik ähnlich wie Klaviernoten in Bass- und Violinschlüssel aufschreiben. Die ideale Lösung wäre vielleicht Bass- und C – Schlüssel gewesen, aber die etablierte Lösung hat sich als praktisch und platzsparend erwiesen. Wegen des großen Tonumfangs der Gitarre muss man allerdings mit vielen Hilfslinien leben. Bei Noten für Violoncello ist es üblicher, einen Schlüsselwechsel vorzunehmen. Für beide Lösungen gilt: einmal fleißig lernen, dann kann man es für den Rest des Lebens wie Rad fahren oder schwimmen.
Wenn bei Gitarrennoten die Oktavierungs-Acht mal fehlt, dann... fehlt sie. Herausgeber und Verlage tun oft seltsame Dinge, und man muss nicht immer alles verstehen wollen. Tatsache ist: der wirklichen Tonhöhe nach muss sie dastehen!


Notation in verschiedenen Schlüsseln

Dreimal die gleichen Töne: oben in der "normalen" Gitarrennota- tion, in der Mitte im Violin/ Bassschlüssel - System, unten mit dem für Viola oder Bratsche üblichen C-Schlüssel.

In der Mitte braucht man zwar weniger Hilfslinien in der Ober- stimme und bei den tiefen Tönen, muss dafür aber in der Mittellage häufig in den Bassschlüssel wechseln.

Die untere Variante sieht vielleicht am attraktivsten aus; man hätte viel mehr Platz, Mehrstimmigkeit auszudrücken. Aber die normale Notierung reicht für die meisten Stücke aus, spart Platz, die Literatur ist so gedruckt, und... wer will schon diesen Umlernprozess?

(Das Beispiel ist aus der Allemande der 3. Cellosuite von Bach in meiner Bearbeitung.)



Bach-Autograph, Anfang der Suite G-Moll



Der Anfang von Bachs Autograph der G-Moll-Suite für Laute (man ist nicht sicher, ob diese Fassung oder die C-Moll-Version für Cello die ursprünglichere ist) sieht doch sehr übersichtlich aus... Da die erste Note im oberen System ein g ist, muss der Schlüssel wohl ein C-Schlüssel auf der zweiten Linie von oben sein.


Zur Praxis des Spiels aus dem Bassschlüssel und aus dem Altschlüssel bitte auf die Links klicken.

Das Aufschreiben von Musik in Tabulatur, also einer Griffschrift, ist seit der Renaissance üblich und wurde auch im Barock beibehalten. Es gibt für jede Saite eine Linie, und durch Zahlen oder Buchstaben wird angegeben, in welchem Bund gegriffen werden soll. Der Rhythmus wird darüber für alle Stimmen notiert.

Vorteil: man braucht keine Noten zu lernen! Nachteil: man lernt keine Noten!

Da Musiker untereinander über Noten kommunizieren, befindet man sich leicht im Abseits, wenn man „nur“ nach Tabulatur spielen kann. Außerdem kann man in Tabulaturen die rhythmische Struktur individueller Stimmen nicht darstellen. Das war schon 1530 ein Problem bei Francesco da Milano.

Bei Ausgaben von Rockmusik ist häufig die Gitarrenstimme doppelt dargestellt, wobei eigentlich beides zusammengehört: in den Noten stehen die genaue Rhythmik und Tonhöhe, in der Tabulatur steht der genaue Ort auf dem Griffbrett, der Fingersatz, die Tonproduktion (normal, bending, slide etc.). Ein ordentliches E-Gitarrensolo ist oft so kompliziert, dass diese Darstellungsweise absolut gerechtfertigt ist.


Andere Zeichen in den Noten Home Gitarre Stichworte oben

Weil die Gitarre so ein kompliziertes Instrument ist, bei dem man Töne an verschiedenen Stellen des Griffbrettes greifen kann, und dies auch noch in unterschiedlichsten Kombinationen, sind Gitarrennoten vollgestopft mit zusätzlichen Zeichen. Diese Zeichen muss der arme Novize auseinander halten und richtig interpretieren, und das geht aus mehreren Gründen schon mal schief.

Also möchte ich hier versuchen, einerseits Hinweise zu geben zu den Zeichen für
- die Finger beider Hände
- Griffbilder
- Saiten- und Lagenangaben
- Schreibweisen für Barré und Flageolett
und überdies ein paar Warnschilder zu den häufigsten Fehlern aufzustellen.

Wenn man mit dem Erlernen des Instrumentes nach Noten beginnt, hat man in den meisten Fällen ein Buch, das die Noten und die gitarretypischen Zeichen der Reihe nach erklärt.
Dieses Buch ist nicht wie ein Roman, den man liest, toll findet, dessen Inhalt man aber wieder vergisst, weil er nicht wirklich wichtig ist. Die Gitarrenschule ist eine Sammlung von Erklärungen, die einen Menschen zum Fachmann für Gitarre machen, und ein Lexikon, in dem man Dinge nachschlagen kann.

Beim Erlernen dieser Einstellung zur Gitarrenschule (oder zu Schulbüchern oder Lexika) können Eltern gerne ihren Kindern zur Seite stehen, einfach in dem sie diese gemeinsam anschauen, darin herumblättern, oder indem die Eltern sich von den Kindern erklären lassen, was das alles zu bedeuten hat.


Zeichen für die Finger beider Hände Home Gitarre Stichworte oben

Am Anfang der Gitarrenschule erfährt man, dass die Finger der Greifhand nummeriert werden:
1 = Zeigefinger
2 = Mittelfinger
3 = Ringfinger
4 = kleiner Finger
0 = leere Saite.

Der Daumen der Greifhand wird bei der Konzertgitarre nicht wirklich benutzt. H.D. Bruger hat in seiner Ausgabe Bach'scher Lautenwerke (1921) für die "heutige Laute", eine Wandervogellaute mit 6 Saiten und 4 neben dem Griffbrett verlaufenden Bodrunsaiten, an einigen Stellen die Anweisung "Daumen" stehen, um Unmögliches möglich zu machen. Bei Folk- und Rockmusikern wird der Daumen schon mal eingesetzt, was durch die geringere Breite der Hälse von Western- und E-Gitarren, die Größe der Pranken und die Haltung nahe liegt.

Fingersätze rechts und links

Die Finger der Anschlagshand werden so bezeichnet:
Daumen: p
Zeigefinger: i
Mittelfinger: m
Ringfinger: a.
Der kleine Finger wird nicht benutzt.

Ich weiß nicht, ob viele namhafte Gitarristen außer N. Yepes, der den kleinen Finger der Anschlagshand mitbenutzte, diese Spezialität pflegen.

Ein frühes Übungsstück sieht dann beispielsweise aus wie im Bild rechts.

In antiken Noten aus dem deutschen Sprachraum findet man für die Anschlagshand noch das "+" für den Daumen, und dann einen, zwei oder drei Pünktchen für Zeige- Mittel- und Ringfinger.
An anderer Stelle findet sich ein Abschnitt über die Komplexität von Fingersätzen für die Greifhand, und was dabei möglicherweise im Gehirn eines Gitarristen vorgeht.


Griffbilder Home Gitarre Stichworte oben

Jede Gitarrenschule erklärt die Noten im allgemeinen, und führt nach und nach Töne ein, mit denen man dann die Übungsliedchen spielt. Die Stücke müssen vielfältigen Ansprüchen genügen: sie sollten bekannt, interessant, keinesfalls doof und dabei nicht zu kompliziert sein.
Sind sie zu einfach, wie Kinderlieder, sind die Schüler nicht motiviert, weil sie Kinderlieder für unter ihrer Würde halten (schließlich hört man Hip-Hop auf dem i-Pod), aber wenn sie zu viele Töne auf einmal einführen, sind die Schüler überfordert und deshalb entmutigt. Ein Drahtseilakt für den Autor!
Waren das noch Zeiten, als das "Lehrwerk für die Gitarre" von Schaller und Scheit (Universal Edition 1936/39) benutzt wurde, das mit chromatischen Griffübungen in der 4. Lage und Melodien im Fünftonraum mit Lagenwechsel auf einer Saite begann...

Griffbild

Die normale Gitarrenschule erklärt die Noten mit ihrem Ort auf dem Gitarrengriffbrett mit einem Griffbild eine nach der anderen, manchmal zwei auf einmal. Das sieht dann aus wie im Bild rechts, und enthält eine Menge Informationen, die man aufnehmen und richtig deuten muss:

1. Es geht um das gegriffene g auf der e-Saite, nicht um die g-Saite (die man vielleicht schon kennt), oder das e auf der g-Saite, oder... Man glaubt gar nicht, wie hartnäckig junge Kinder die leere tiefe A-Saite anschlagen können, wenn das a auf der g-Saite eingeführt wird! Sie sehen die Grafik, und... kümmern sich wenig darum. Da braucht man Geduld und muss wieder und wieder erklären, was der Schüler aus der Zeichnung entnehmen soll.

2. Die Note liegt über der obersten Notenlinie. (Auch hier wird munter verwechselt: Der Finger greift auf der obersten Saite? Nein, es geht um die Note!) Der Notenwert ist schnuppe, es kommt nur darauf an, wo, auf welcher Linie oder in welchem Zwischenraum sich der Notenkopf befindet.

3. Die Note heißt g - dafür steht der Buchstabe g unter der Note. Fertig. Nein, noch nicht: das ist das hohe g, wie hoch genau (das eingestrichene g, wegen des Oktava-Zeichens unter dem Notenschlüssel) es ist, lassen wir besser erstmal weg, aber dass es kein tiefes G ist sollte man festhalten, und dass es - wie immer - in der Stammtonreihe zwischen f und a liegt wird irgendwann sehr wichtig...

4. Bei der Noten steht die Ziffer 3, der Ton wird also - erstmal - grundsätzlich mit dem dritten Finger im dritten Bund gegriffen. Bei der Saite sind wir noch nicht!

Griffbild vertikal

5. Das Griffbild (bitte das Bild oben anschauen) hat links einen dicken Strich, das den Gitarrensattel darstellen soll. Die dünnen senkrechten Linien repräsentieren also die Bünde, die waagerechten die Saiten. Es gibt diese Griffbilder auch in vertikaler Stellung wie im Bild rechts.
Der Punkt auf der obersten Linie im dritten Kästchen bedeutet also: "Greife diese Note im dritten Bund auf der obersten Saite."
Was, bitte sehr, ist die oberste Saite?
Die oberste Saite ist nicht die, die räumlich am weitesten oben liegt, sondern die mit dem höchsten Ton! Die dünne e-Saite also! Das Griffbild zeigt also eine analoge Darstellung zum Notenbild, das bedeutet: hohe Noten werden im Griffbild wie in Noten oben abgebildet. Wenn ich die Gitarre neben dem Buch in Stellung bringen möchte, muss ich sie so drehen, dass ihre Decke zu mir zeigt. Dann sind Zeichnung und Gitarre gleich ausgerichtet.

Denkbar wäre ja auch, die Grafik wie einen Spiegel funktionieren zu lassen: Was räumlich in der Grafik oben ist, ist auf der Gitarre räumlich oben. Das ist aber sehr räumlich-grafisch und wenig musikalisch gedacht. Trotzdem gab es in Renaissance und Barock Tabulaturen, die so funktionierten (im Bild hinter dem Link sind die ersten 10 Töne auf der klanglich höchsten Saite zu spielen), während die meisten Tabulaturschriften die hohen Töne oben abbilden wie unsere Noten.

Griffbild für Linkshänder?!

6. Linkshänder sind durch diese Griffbilder tatsächlich benachteiligt. Ich kenne keine Gitarrenschule, die horizontal gespiegelte Griffbilder (wie rechts zu sehen) enthält. Ist das schlimm? Ich denke, der Lernprozess, diese merkwürdigen Grafiken in konkrete Handlungen umzusetzen, ist für alle Kinder kompliziert, und Linkshändern muss man dann noch erklären, dass sie das Bild im Kopf umdrehen müssen, damit sie das richtige Ergebnis bekommen. Was man tatsächlich greifen soll sieht für Rechtshänder so, und für Linkshänder so aus:

Griff hohes g rechts




Links sieht man die linke Hand eines Rechtshänders, der das g auf der e-Saite greift, rechts die des Linkshänders, mit dem merkwürdigen Kopf einer Barocktheorbe im Hintergrund...
Die hohe e-Saite ist in beiden Fällen räumlich unten.

Griff hohes g links


Abgesehen von ihrer Funktion beim Erklären der Töne in Gitarrenschulen benutzt man Griffbilder natürlich für Grifftabellen. Die Noten für ganze Akkorde werden als Griffbild dargestellt - so kann man sie schneller erfassen und auswendig lernen, wobei man allerdings nicht vergessen sollte, dass sie tatsächlich immer aus einzelnen Noten bestehen.

Beim Umsetzen von Griffbildern haben übrigens meistens Jungen die Nase vorn, das können sie in der Regel schneller als Mädchen. Die Begründung nenne ich den "Lego-Technik-Faktor".


Saiten und Lage Home Gitarre Stichworte oben

Die Saiten


Die Zeichen für die Finger beider Hände und die Vorstellung der Noten in Griffbildern sind natürlich nicht alles! Da man Noten auf verschiedenen Saiten spielen kann, braucht man ein Nummerierungssystem für die Saiten. Die (weitgehend) internationale Übereinkunft ist, die Saiten mit arabischen Ziffern in einem Kreis zu benennen, und die dünnste und höchste Saite, die "Chanterelle", bekommt seit Jahrhunderten die Nummer 1.

Nummern für die Saiten

Im Bild rechts sieht man also, dass das c im ersten Takt mit dem 1. Finger auf der zweiten, der h-Saite gegriffen wird. Das e in Takt zwei wird gar nicht gegriffen, liegt aber auf der 1. Saite. Angeschlagen wird im Wechselschlag mit "m i".

Die Lagen


Lagen und Saiten

Wirklich kompliziert wird das Leben des Gitarrenneulings dadurch, dass man mit der Hand am Hals entlang rutschen und dort Töne greifen kann. Man nennt das "Lagenspiel". Verwirrend ist, dass die Hand räumlich betrachtet weiter zum Erdmittelpunkt (Richtung Teppich) gleitet, ich aber ostentativ behaupte, man "gehe nach oben". Nun ja, erstens werden die Töne höher, und zweitens die Ordnungszahlen: befindet sich der Zeigefinger im ersten Bund, spricht man von der "ersten Lage", gleitet man in den fünften Bund, nennt man das die fünfte Lage. Und fünf ist im Vergleich zu eins ja wohl die höhere Zahl?!
Im Bild rechts sieht man meine Hand in der vierten Lage, außerdem sind die Saitenziffern zu sehen. Oben ist immer da, wo jeder normale Mensch sagen würde, dass das unten ist!

Nachdem dieser Streit also abgeschlossen ist (das kann sehr lange dauern!), zeige ich im Bild darunter die Darstellungsweise im Notentext:

Lagenbezeichnungen

Die Lagen, also die Position des Zeigefingers auf dem Griffbrett, werden mit römischen Zahlen bezeichnet.
Damit die Grafik das Durcheinander in Gitarrennoten schon mal lebensecht andeutet, habe ich außer den römischen Zahlen für die 1. und 5. Lage auch die Fingersätze für beide Hände angedeutet, und vermerkt, dass diese Fünftonreihe auf der 2. Saite zu spielen ist.
Außerdem sieht man nach der zweiten und vor der letzten Note so ein dünnes Strichlein. Dies deutet an, dass man mit dem entsprechenden Finger auf der Saite bleibend rutschen soll, also dass keinesfalls die Saite zu wechseln ist.

Mit den Lagen auf der Gitarre ist das so eine Sache! Manchmal steht keine da, weil der Herausgeber ein "Schiebestrichlein" gesetzt hat, und damit für hinreichend erklärt hält, dass man auf der Saite eben zum e auf der h-Saite zu rutschen hat, und zwar mit dem 1. Finger, und dann ist doch klar, dass man sich in der fünften Lage befindet!

Oder es ist eben nicht klar, in welcher Lage man sich befindet, oder es wäre missverständlich, eine Lagenbezeichnung zu setzen. Zum Beispiel steht in der folgenden Grafik am Anfang des zweiten Taktes (Auftakte zählt man nicht mit) beim hohen h eine römische VI, aber man soll mit 2 greifen.

Bourree, Lagen

Ist das h denn im 6. Bund? Natürlich nicht, das h ist im siebten Bund der e-Saite. Die "VI" steht da, weil der Zeigefinger "theoretisch" im 6. Bund zu platzieren wäre, wenn man mit dem 2. Finger im siebten greift. Tatsächlich greift der Zeigefinger auch, und zwar das gis auf der d-Saite im 6. Bund, nur - das hat der Bearbeiter nicht vermerkt, weil er es für logisch und den Notentext nur unnötig belastend hielt. Wenn aber der erste Finger jetzt oder demnächst auch im siebten Bund zu greifen hätte?

Wenn man Noten für Gitarre schreibt und versucht, sie mit vernünftigen Bezeichnungen auszustatten, raucht einem manchmal ganz schön der Kopf!

Selbstverständlich muss auch ein Blockflötenschüler fünf Griffe für fünf Noten auswendig lernen, aber er hat nie mit dieser Menge an Zusatzinformationen zu tun. Kleine Gitarristen müssen sich einiges merken!


Barré und Flageolett Home Gitarre Stichworte oben

Barré


Die grafischen Zeichen für Barrégriffe variieren ganz ordentlich. Im deutschen Sprachraum, z.B. in den Ausgaben von Karl Scheit oder Heinz Teuchert, allerdings auch in den bei Schott von Andres Segovia herausgegebenen südamerikanischen Werken, findet man eine ähnliche Schreibweise wie in diesem Bild: eine Klammer mit römischer Zahl darüber.

Barreegriffe Zeichen 1

Der holländische Autor Joep Wanders verwendet eine Bezeichnung, die die Anzahl der Saiten, die man herunterdrücken soll durch eine hochgestellte Ziffer andeutet. Er schreibt " IV Bar.³ " über die Noten, und damit ist klar, dass der Zeigefinger über die Saiten 1 - 3 gelegt wird.


In spanischen und lateinamerikanischen Notenausgaben sehen Barrégriffe so oder so ähnlich aus:

Barreegriffe Zeichen 2
Barreegriffe Zeichen 3

In der englischen Ausgabe des "Nocturnal" von Benjamin Britten findet man als "B VII" als Zeichen für den Barrégriff. Mit "PB VII" meint der Herausgeber vermutlich "partial barre".

Gemeint ist aber in allen Fällen die gleiche Quälerei, deren Ausführung hier diskutiert wird.


Flageolett


Flageoletttöne kann man nicht nur zum Stimmen der Gitarre gut nutzen - sie kommen auch in vielen Stücken vor. So besteht der Schluss von Sors Variationen über "Malbrough s'en va-t-en guerre" zum großen Teil aus Obertönen.

Sor, Marlborough

Flageolett- oder Obertöne erzeugt man, indem man eine Saite an bestimmten Punkten sanft berührt (am besten nicht mit dem dicksten Finger, damit der Punkt wirklich ein bestimmter ist) und dann ziemlich knackig anschlägt. Durch die Berührung wird die Saite gehindert, als Ganzes zu schwingen. Berührt man die Saite in der Mitte, entsteht ein Ton, der doppelt so hoch ist wie der Grundton. In fünf Teile (wodurch die fünffache Frequenz entsteht, die große Terz zwei Oktaven über dem Grundton) kann man die Saite an vier Stellen teilen. Etwa beim vierten, beim neunten, beim 16. Bund und beim unteren Schalllochrand. Wenn man nicht die richtige Stelle trifft oder zu fest drückt, macht es nur "Plopp". Trifft man die richtige Stelle hingegen sehr genau, kann man ruhig beim vierten und neunten Bund berühren - die Terz erklingt trotzdem. An den vier Teilungspunkten ist die Saite unbewegt - dazwischen schwingt sie in fünf Teilen. Das Phänomen hat natürlich mit der Obertonreihe zu tun.

Das Problem bei den Flagies ist, dass sie sehr unterschiedlich aufgeschrieben sein können. Im obigen Facsimile von Sors Werk steht einfach "sons harm." (sons harmoniques), und dann die leere Saite mit einer arabischen Zahl davor, die den Bund bedeutet, bei dem (etwa) der Flageolett erklingt.

Flagies 1

Häufig sind die Obertöne in Gitarrennoten mit einem Rhombus als Notenkopf dargestellt. Rechts habe ich die tatsächlichen Tonhöhen der ersten Takte - sogar mit dem Oktavazeichen - aufgeschrieben, und als Zusatzinformation die Saitennummer und eine römische Zahl für den Bund angegeben. Damit, dass die Noten in der korrekten Höhe angegeben sind, sollte man nicht unbedingt rechnen, da wird schon mal eine Oktave zu tief geschrieben (zumal Obertöne ja sehr hoch klingen können).

Flagies 2

Hier ist die Darstellungsweise wieder anders, wobei man das erst bei den beiden letzten Akkorden merkt: es ist einfach der Ton aufgeschrieben, der erklänge, wenn man normal greifen würde, aber man erzeugt natürlich einen Flageolettton, der dann meist in einer anderen Oktave erklingt (bis auf das hohe e beim zweitletzten Akkord) oder gar einen völlig anderen Ton bedeutet. Beim vorletzten Zusammenklang entsteht unten statt des geschriebenen fis ein (eine Duodezime höheres) cis. Beim letzten Akkord erklingt statt des oberen c ein g, das ebenfalls eine Oktavquinte höher ist, und statt des tiefen c ein e, das eine Dezime höher liegt. Die Tonnamen der übrigen Flageoletts stimmen zufälligerweise mit den geschriebenen Noten überein.

Der Schluss von Villa-Lobos' berühmter erster Etüde ist auf diese Weise notiert. Man hört eine nach oben aufsteigende Kaskade von Flageoletttönen, und sieht in den Noten eine Kurve, die am Ende, bei den höchsten Noten, die über dem fünften Bundstab von g-, h- und e-Saite erzeugt werden, plötzlich nach unten abknickt, zu relativ tiefen Tönen. Nicht sehr logisch, aber - man kennt das Stück ja...

Flagies 3

Noch einmal verkompliziert wird die Lage, wenn man nicht nur "natürliche Flageoletttöne", sondern "künstliche" benutzt. Dabei greift man ganz normal einen Ton, und erzeugt den Flageolett, indem man mit dem Zeigefinger zwölf Bünde höher die Saite berührt und mit dem Ring- oder dem kleinen Finger anschlägt. Man kann natürlich auch am Punkt der Doppeloktave oder der Oktavquinte die Saite brühren; E-Gitarristen wenden diese Technik auch mit dem Plektrum an. Die Darstellung ist nicht so missverständlich: rhombusförmige Notenköpfe, Oktavazeichen, und dazu schreiben "künstl. Flag." oder "artificial harmonics", und schon versteht der Ausführende, was er da zu tun hat.

Tarrega, künstliche Flageoletttöne

In der letzten Zeile von Tárregas erstem Prelude sind die Töne der Oberstimme (das wird stillschweigend vorausgesetzt) als künstliche Flageoletts zu verstehen.


Vor allem die Fingersätze für die Greifhand sind eine Quelle vieler Fehler bei Anfängern. Die p - i - m - a - Anweisungen werden munter nicht beachtet, und es wird ausschließlich mit einem Finger gezupft, Lagenangaben werden übersehen, auf Flageoletts wird mit "Wie gingen die noch Mal?" reagiert, aber die Fingersätze für die Greifhand sind oft der Grund für richtig falsche Töne. Ich versuche ein paar der beliebtesten Fehler aufzulisten:

1. Das tiefe Fis existiert nicht!

Nachdem in der Gitarrenschule die Stammtöne in der ersten Lage erarbeitet wurden, werden Kreuze und bs eingeführt. Die Kinder haben alles verstanden und spielen munter Stücke mit fis und cis. Dann kommen - ein großer und schwieriger Lernschritt! - die ersten gegriffenen Bässe, und dabei taucht irgendwann ein tiefes Exemplar der Note f auf, womöglich noch mit einer 1 als Fingersatz für die Greifhand, und schon geht es los...

Fuggerin Tanz Takt 2 und 3

Im Beispiel rechts findet sich im zweiten Takt (Takt 3 von "der Fuggerin Tanz") das tiefe Fis, aber erstmal wird ein F (im ersten Bund) probiert! Zur Not mit einem as darüber (seit wann ist das a im ersten Bund auf der g-Saite - war das nicht der erste gegriffene Ton, den wir gelernt haben?), egal, Hauptsache ein F, denn im zweiten Bund auf der tiefen E-Saite haben wir noch nie gegriffen!
Dabei ist es durchaus wahrscheinlich, dass die vier cis vor dem tiefen Fis völlig korrekt gespielt werden! Auf der tiefen E-Saite grundsätzlich erstmal F spielen aber alle: vom ABC-Schützen bis zum Zehntklässler mit Einser-Notenschnitt, der mit der Gitarre spät angefangen hat!

2. Vierter Finger heißt immer 4. Bund!

hohes a auf der e-Saite

Wenn man lange genug in der ersten Lage gespielt, und gut verinnerlicht hat, dass der 1. Finger den ersten Bund bedient, der zweite normalerweise den 2. Bund und so weiter, ist man immer mal wieder für diesen Trick gut: unversehens taucht ein hohes a auf der e-Saite auf, die 4 steht dabei für das Greifen mit dem kleinen Finger, aber die Lagenbezeichnung fehlt. Schon spielt man ein as im vierten Bund, ob man sich dann noch zu einem f herbeilässt hängt wohl auch davon ab, wie schnell man auf den Zusammenklang mit dem d im Bass reagiert. Spätestens beim dritten Melodieton sollte man zusammenzucken!

3. Wechselnder Fingersatz.

d erst mit 3, dann mit 2 greifen

Ein besonderes Problem stellt sich hier: Wurde am Anfang das d auf der h-Saite noch mit dem 3. Finger gegriffen (erste Lage also), steht bei der dritten Note plötzlich eine 2. Was nun?
Wer sich gründlich angewöhnt hat, die Noten zu "siezen" und grundsätzlich nicht mit Namen anzusprechen und dementsprechend vorwiegend nach den Ziffern für die Finger spielt, wird hier vielleicht ein des spielen und sich dann hoffentlich über den schrägen Klang wundern. Ob danach f oder fis, und dann vielleicht wieder as ertönen - wer weiß...?

4. Einmal dis, immer dis!

dis auf der h-Saite mit 4

Es ist doch schön, dass die "gewöhnlicheren" Töne vor den Exoten eingeführt werden, obwohl - wer will da bewerten? Ist E-Moll nicht eine wunderbare Tonart auf der Gitarre? Also kommt irgendwann eine Stelle, bei der man das H im 2. Bund der A-Saite und das dis im vierten Bund der h-Saite gleichzeitig greifen darf (wie rechts zu sehen), und zwar mit den Fingern 2 und 4.
Wochen später, oder auch im gleichen Stück, egal, tauchen H und d über einander auf, wie im zweiten Takt, und danach ein c auf der A-Saite, und deshalb benutzt man den selben Fingersatz. Auch hier (wie an vergleichbaren Stellen) wird dann gerne die Hand mit Mühe gestreckt und dis gespielt, obwohl kein Kreuz zu sehen ist - gelernt ist halt gelernt.

5. In welcher Lage soll man das denn spielen?

Herausgeber von Gitarrenmusik haben das Bestreben, den Notentext möglichst klar zu halten. Je mehr Zusatzzeichen sich zwischen den Noten tummeln, desto unübersichtlicher wird das Ganze, desto weiter muss man die Abstände zwischen den Zeilen wählen, desto mehr Platz braucht ein Stück, desto öfter muss der Spieler umblättern - eine Kette von Folgen, der man nur mit einem entschiedenen "Weniger ist mehr!" begegnen kann!

Welche Lage

Also lässt man eine Lagenbezeichnung weg, weil es ja logisch ist: Natürlich ist man im Beispiel links anfangs in der zweiten Lage, und ab dem d mit der 4 davor ist man in der ersten. Aber es steht nicht da. Also kommen die Schüler nach einer Woche und entrüsten sich "Die Reihe konnte ich nicht üben, ich wußte nicht, in welcher Lage ich das spielen soll!"

Tja, wer Gitarre spielen mit Noten lernt, wird leider zum Denken angehalten, und zwar ziemlich massiv. Auch und gerade in den Heften für Anfänger werden die Informationen mehr und mehr ausgedünnt. Wenn Noten und Fingersatz die Lage klar definieren, fehlt die Lagenbezeichnung schon mal. Fingersatz plus Lage lassen nur einen Schluss bezüglich der zu wählenden Saite zu - dann lässt man die Saitenziffer weg. Der Schiebestrich klärt zweifelsfrei, dass man auf der h-Saite hochrutschen soll - wozu Lage und Saite angeben!
Und in der ausgeschriebenen Wiederholung eines Abschnitts, der weiter oben ausreichend bezeichnet war, fehlt gerne mal alles. Das hat man sich doch oben schon eingeprägt? Und wer sich das alles nicht merken kann, oder Warnhinweise braucht, greift halt zum Bleistift und trägt sich etwas ein - selber schreiben vertieft den Lernprozess!

Selbst gefundene oder geänderte Fingersätze sind Ausdruck von Kreativität und Nachdenken. Die Vorschläge des Herausgebers sind ja nur - Vorschläge, und zwar vorgekaute. Nun ist es zwar sehr, sehr gut, diese Vorschläge erstmal nach zu vollziehen, weil man dadurch von der gesammelten Erfahrung nicht nur des konkreten Herausgebers, sondern auch noch seiner Lehrerslehrer und Kollegen profitiert, aber wenn man dann auf eigene Lösungen kommt, ist das immer ein wichtiger Schritt auf der Reise in die Unabhängigkeit. Wer ein Musikinstrument lernt, benutzt sein Gehirn, und das ist immer gut!


6. Fehler in den Noten

Herausgeber von Gitarrenmusik - selbst die Autoren - irren aber bisweilen und machen selber Fehler. Manchmal stehen schlicht falsche Noten da, oder Vorzeichen sind vergessen worden, die eigentlich gemeinten Töne erschliessen sich zum Glück dennoch ziemlich klar aus dem Fingersatz. Ein Beispiel aus der Mazurka "Sueño" von F. Tàrrega:

Fehler in den Noten - Fingersatz als Korrektur

In der Originalausgabe steht am Ende von Takt 2 in der Melodie ein f mit dem Fingersatz 1, im nächsten Takt wird derselbe Ton mit 4 gegriffen, und darunter liegen c und dis, die mit dem 2. und dem 1. Finger zu greifen sind.
Niemand würde das so greifen! Die Lösung ist naturlich, dass der erste Ton der Oberstimme in Takt 3 ein fis ist, das Kreuz vor dem f fehlt allerdings.
Diese Idee ergibt sich keineswegs nur aus dem Fingersatz, sondern vor allem aus der Stimmführung: Die Unterstimme bewegt sich von d über dis nach e, und da kann das fis in der Melodie nicht hinter dem Bass zurückstehen: es ist eine chromatische Parallelführung in Dezimen.

Auf der zweiten Zählzeit in Takt 3, unter der Fermate, muss natürlich wieder ein f (zweite Note von oben) erklingen. Auch dies ergibt sich aus dem Fingersatz (niemand würde mit dem gegebenen 3, 1, 2, 4 die Töne a, c, fis, c spielen wollen - dafür würde man wohl die Finger 3 und 2 austauschen), aber auch daraus, dass die chromatischen Verbindungen davor keine harmonisch dauerhafte Bedeutung haben. Sowohl dis als auch (das nicht erkennbare) fis haben keine weitere Geltung.

Hier macht also der falsch Lesende wahrscheinlich alles richtig (das ging mir auch mehrere Tage so, bis mir das fehlende Kreuz auffiel), und Herausgeber und Korrekturleser (in diesem Falle der Komponist?) haben etwas falsch gemacht. Wer selber Stücke schreibt oder arrangiert wird aber wissen: solche Fehler sieht man einfach nicht! Man denkt richtig, man spielt was man meint, also richtig - ein fehlendes Vorzeichen kann man da absolut "übersehen"!


Fehler vermeiden - aber wie? Home Gitarre Stichworte oben

Wie schafft man es, diese lustigen Fehler zu vermeiden? Ganz einfach: indem man sich immer wieder klarmacht:

Eine Note ist eine Note ist eine Note.

Wenn man musizieren nach Noten lernt, hat man je nach Instrument mehr oder weniger zusätzliche Zeichen in den Noten stehen, die sich auf die technische Ausführung beziehen. Sogar in modernen Stücken für Blockflöte steht manchmal ein Griffbild (eventuell in einer Fußnote), wenn man einen merkwürdigen Klang, etwa mehrere Töne auf einmal erzeugen soll, und aus den Noten allein nicht hervorgeht, wie das funktioniert.

In Gitarrennoten steht grundsätzlich viel an Zusatzinformationen, aber zuerst muss man immer die Note anschauen. Der Fingersatz ist nur eine Angabe, wie man sie (an dieser Stelle) technisch herstellen soll, aber eine 1 vor einem fis macht dieses nie zum f - dafür ist das Auflösungszeichen zuständig, und ein Auflösungszeichen gehört der Notenschrift an, nicht den zusätzlichen Zeichen.

Das Reich der Musik hat seine eigene Schrift und Sprache, wozu als ergänzende Angaben natürlich auch Dinge wie "Allegro", "dal segno al fine" oder ein banales Wiederholungszeichen gehören. Diese Dinge sind die Noten oder beeinflussen deren Ausführung. Fingersätze, Lagenbezeichnungen oder Angaben zur Saite, auf der ein Ton gegriffen werden soll sind Hilfsangebote an die merkwürdigen intelligenten Lebewesen auf diesem Planeten, die sich an Tätigkeiten wie dem Gitarrenspiel versuchen, haben mit den Noten an sich aber nichts zu tun!

 

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