Ulrich Meyer, Gitarre

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Dieser Abschnitt verfolgt ganz klar das Ziel, Eltern, die für den Musikunterricht ihres Kindes bezahlen, davon zu überzeugen, dass ein Anfängerinstrument gut passen und hochwertig sein sollte. Wenn Sie etwas mehr Geld für das Instrument ausgeben wird der Unterricht effektiver und damit preiswerter!

Bei Streichinstrumenten gibt es seit Jahrhunderten kleine Bauformen (Mozart wird als Vierjähriger kaum auf der Geige seines Vaters gespielt haben), und das Wort „Viertelgeige“ bedeutet eine ganz bestimmte Korpusgröße in Zentimetern. Der Korpus einer 1/8 Violine ist 27,5 cm, der einer 1/4 Violine 28,5 cm lang, dann ist es richtig.

Gitarren für Kinder in guter Qualität und sinnvollen Abstufungen sind erst seit wenigen Jahrzehnten verbreitet. Begriffe wie „Halbe Gitarre“ sind bei unserem Instrument nicht standardisiert. Man findet Gitarren mit gleicher Saitenlänge, aber sehr unterschiedlich großen Körpern. Wenn man Internet - Auktionen mit "halben Gitarren" anschaut, sieht man unter der Bezeichnung Mensuren von 52 - 62 cm.
Die European Guitar Teachers Association Deutschland hat sich denn auch in einem Beitrag auf ihrer Homepage von den Bezeichnungen "Achtelgitarre etc." verabschiedet und empfiehlt die Nennung der Mensur um die Größe zu beschreiben.

Groessenvergleich 1
Groessenvergleich 2

Links im Bild eine wirklich kleine Gitarre mit 44er Mensur, die bei kleinen Erstklässlern zum Einsatz kommt, in der Mitte eine Valdez 58, und rechts die normal große Gitarre mit 65 cm Mensur. Das Klavier im Hintergrund beider Bilder ist das Gleiche. Auf diesem Bild sind die Gitarren viel steiler angelehnt - die 44er würde sonst unter der Tastatur durchfallen...

Links eine Toledo 53, die einen recht kleinen Korpus hat, in der Mitte eine Toledo 61, deren Korpus vor allem sehr breit ist, rechts wieder eine normal große Gitarre mit 65 cm Mensur.
Beim Probieren ist das Gelächter immer groß, wenn ein Kind eine deutlich zu große oder kleine Gitarre auf den Schoß bekommt. Danach ist aber die Sensibilität geweckt!


Mensur

 

Ein Gitarrist kann mit dem Begriff „Mensur“ etwas anfangen: die Länge der Saiten von Sattel bis Steg (Bild), also das, was schwingt, wenn man die Saite anschlägt. Ob die maßstabsgerechte Verkleinerung des Körpers gelungen ist, kann man sehen oder nachmessen: Mensur durch Korpuslänge = ca. 1,34; Mensur durch größte Korpusbreite = ca. 1,75 sind gängige Werte für heutige Gitarren.

Korpusgrößen

Drei kleine Gitarren mit fast der gleichen Mensur:
Links: Mensur 52 cm, Korpuslänge 38,5; Korpusbreite unten 29,3.
Mitte: Mensur 53 cm, Korpuslänge 39,8; Korpusbreite unten 29,8.
Rechts: Mensur 53,5 cm, Korpuslänge 43; Korpusbreite unten 33.

Bei den beiden ersten Modellen sind die Verhältnisse von Saitenlänge zum Korpus fast wie bei einer normal großen Gitarre, das Modell rechts hat einen deutlich längeren und breiteren Korpus. In der Praxis ist man dennoch froh, die verschiedenen Exemplare zur Verfügung zu haben:
Die Saitenlängen sind ja fast gleich, setzen also ähnlich große Hände voraus. Sehr große Kinder sehen aber mit der Gitarre links unbeholfen aus (wohin mit den langen Armen!), und kleine Menschen sind mit der Gitarre rechts nicht gut bedient.
Wenn ein Schüler mit der Gitarre links beginnt, und der nächste Wechsel direkt zu einer 58er Mensur erfolgt, hat er längere Zeit auf einer viel zu kleinen Gitarre gespielt, oder die Neue ist ihm erstmal viel zu groß.

Wichtig ist: wenn ein Kind eine zu große Gitarre spielen muss, ist es gerade im Gruppenunterricht benachteiligt. Ist der Korpus zu groß, wird die Haltung erschwert: der Gitarrenkörper passt nicht zwischen die Beine, das Instrument wird schräg gehalten, der Kopf zeigt über die linke Schulter nach hinten, und das Kind sitzt mit verdrehter Wirbelsäule. Wenn die Mensur zu lang ist, liegen die Bünde zu weit auseinander, das Greifen ist mühsam und frustrierend.

Ruhige Greifhand

 

Zu Beginn des Unterrichts ist es wichtig, sich anzugewöhnen, nicht jeden Finger der Greifhand einzeln zu setzen, sondern Finger stehen zu lassen und vorzubereiten. In der Grafik unten ist das durch die gestrichelten Bögen angedeutet:

a) Der erste Finger läßt das c nicht los, sobald das d angesteuert wird, sondern bliebt noch stehen. Dann findet der dritte Finger das d leichter, und die Hand bleibt ruhiger.
b) Dann bliebt der erste Finger auf dem f im ersten Bund der e-Saite stehen, während der dritte das g greift, um für das wieder kehrende f abgehoben zu werden.
c) Schließlich greifen nach dem leeren e die Finger 3 und 1 gleichzeitig im 3. und 1. Bund; zunächst erklingt das d, und nach dem Abheben des dritten Fingers die Schlussnote c.

Finger stehen lassen

Solch eine Technik der Greifhand, auf der man aubauen kann, gewöhnt sich der Schüler am Anfang an, oder eben nicht. Ein ganz wesentlicher Faktor ist dabei, dass das Instrument nicht zu groß ist: wenn der 1. Finger losgelassen werden muss, um mit dem 3. Finger den dritten Bund zu erreichen, wird es nichts mit den ruhigen Bewegungsabläufen...

Anprobieren im Geschäft

 

Nach meiner Erfahrung werden im „normalen Musikgeschäft“, also einem Laden, in dem man alles von der „Schulflöte“ bis zum Klavier kaufen kann, häufig zu große Gitarren verkauft. Erklären kann man das vielleicht damit, dass die Verkäufer wissen: Eltern scheuen die mehrfache Investition und hoffen immer wieder, Instrumentengrößen "überspringen" zu können.
Wer erfolgreich verkaufen will, muss zwar Kompetenz ausstrahlen, gleichzeitig aber dem Kunden eigene Kompetenz einräumen (Und wer könnte mehr über ein Kind wissen, als die Eltern?). Den Weiterverkauf eines hochwertigen Instrumentes oder gar die Inzahlungnahme (bei Geigenbauern gang und gäbe) nahezulegen, scheint immer noch wenig verbreitet. Also bekommen wir Kunden, was die "Geiz ist das beste Argument" - Mentalität verlangt: eine billige, auf Zuwachs gekaufte Gitarre...
Das gängige Argument „da wächst er/sie schon rein“ ist gefährlich – manchmal dauert das Wachsen länger als erwartet. Ich habe schon Kinder von der zweiten bis zur fünften Klasse mit einer 53er Mensur spielen sehen, die innerhalb des nächsten dreiviertel Jahres bei einer großen Gitarre angekommen waren. Das ist natürlich nicht der Normalfall, aber ein gutes Beispiel dafür, dass es keine Regeln für das Wachstum gibt.

Der Gitarrenlehrer kann vielleicht bei einem Unterrichtsbesuch vorab Gitarren am Kind „anprobieren“, im Fachgeschäft für Gitarren, beim Gitarrenbaumeister, der von seiner Sache wirklich etwas versteht und dafür zugibt, dass Blockflöten nicht sein Metier sind, sollte man Instrumente in mehreren Mensurgrößen probieren können. Eine Überraschung zum Geburtstag hingegen ist keine gute Idee.

Der Gitarrenlehrer hat großes Interesse daran, dass der Unterricht unter guten Bedingungen stattfindet, und da steht ein passendes Instrument ganz oben. Der Gitarrenladen will Ihnen etwas verkaufen, aber durch Kompetenz und Qualität überzeugen und weniger durch den niedrigsten Preis. Wenn ein Achtjähriger eine „Dreiviertelgitarre“ spielen soll, ist jedenfalls Vorsicht geboten! Wenn der Verkäufer Sie streng anschaut und behauptet, die kleinere Gitarre sei passender und wenig Angst zeigt, dass Sie zur Konkurrenz gehen, hat er womöglich tatsächlich das Wohl Ihres Kindes im Auge.

63er Mensur

Näherungswerte

 

Um doch ein paar Zahlen zu nennen: Sehr kleine Erstklässler oder Zweitklässler brauchen schon mal eine 48er Mensur oder gar die oben fotografierte 44er; meist kommt man in dem Alter mit 53 cm zurecht. (Vorsicht mit der Korpusgröße!) Ende der Grundschulzeit ist die nächste Größe fällig, etwa 58cm; das kann aber auch bis zur 6. Klasse dauern. Dann gibt es Gitarren mit 61er und 63er Mensuren, und dann kommt die „normal“ große, aber Achtung: auch wenn viele Mädchen locker 1,80 m groß werden, haben sie nicht unbedingt so große Hände wie Männer, und viele Stücke für Gitarre erfordern große Streckungen der Greifhand. Es gibt sehr gute Gitarren mit normal großem Korpus aber etwas kürzeren Mensuren von 63 oder 64 cm – ein wichtiger Beitrag zur Gleichberechtigung! Der Fahrersitz im Auto ist ja auch verstellbar, weil Beine unterschiedlich lang sind...


Bild rechts: die rechte Gitarre hat einen normal großen Korpus, aber eine Mensur von 63 cm. Wenn man an der Klaviertastatur vergleicht, sieht man, dass der Sattel etwas tiefer liegt. Der Gitarrenbauer erreicht die kürzere Mensur, indem er den Steg einen Zentimeter weiter vom Korpusrand setzt, dann kommt der Sattel auch einen Zentimeter nach unten, und schon hat man eine Gitarre, die für einen großen Menschen bequem zu halten ist, kleineren Händen aber bei weiten Streckungen in der Greifhand sehr entgegen kommt...

Nochmals: alle Versuche, Zahlenangaben zu machen, sind nur ganz ungenaue Näherungswerte! Kinder haben lange Beine und Arme oder einen langen Oberkörper, die Hände wachsen nicht so schnell wie der Rest oder umgekehrt, sie sind mit Acht noch etwas pummelig und mit Zwölf dann lang und dürr, gelenkig oder sehr unflexibel... Selbst starkes Modebewusstsein kann den Wechsel zur nächsten Gitarrengröße verzögern. Kein Weg führt daran vorbei: Man braucht den lebenden Menschen und verschiedene Instrumente, und dann muss man schauen, was passt! Fragen Sie nach, und zögern Sie nicht, die große Gitarre, die sie noch hatten, erst mal auf den Schrank zu legen... Sie müssen zwar im Moment Geld für ein Instrument ausgeben, aber der Unterricht funktioniert so viel besser, dass sich die Ausgabe auf alle Fälle rentiert!

Wenn „Ihr neuer Gitarrenlehrer“ behauptet, die Gitarre, die Sie schon haben sei wenig geeignet, können Sie davon ausgehen, dass seine Empfehlung ernst und zum Besten Ihres Kindes gemeint ist. Jede Unterrichtsbeziehung ist im Prinzip darauf angelegt, mehrere Jahre anzudauern, und der Lehrer hat ein starkes Interesse daran, möglichst viel zu erreichen. Deshalb wird er vielleicht überraschend viel Wert auf ein adäquates Instrument legen.

Mehrere detaillierte Artikel zum Thema finden Sie auf der Seite der EGTA-D, der European Guitar Teachers Association - Deutschland.


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