Ulrich Meyer, Gitarre

Qualität & Preise – woran erkennt man eine gute Gitarre? << Seite

Aus der Tatsache, dass Gitarren nicht so teuer sind, folgern viele Menschen, dass sie extrem billig sein müssen. Dieser Gedanke macht Gitarrenlehrer nicht glücklich, da ein vernünftiges Instrument, das gut klingt und technisch einwandfrei funktioniert, für den Erfolg des Unterrichts ein wichtiger Faktor ist.

Ein paar Gedanken hierzu: Für eine Gitarrenmanufaktur braucht man Gitarrenbauer, Material, Know-how, ein Haus mit Heizung, Maschinen und Zeit. Man kann Gitarren billiger machen, wenn man minderwertiges, schlecht abgelagertes Holz einkauft, billigstes Material für Bünde und schlechte Mechaniken verwendet, die (ungelernten) Angestellten schlecht bezahlt (Instrumentenbau ist ja eigentlich ein Lehrberuf mit Gesellenprüfung als Abschluss und später möglicher Meisterprüfung) und die Arbeit so schnell ausführt, dass sie nicht wirklich gut wird.
Heraus kommt oft ein Gegenstand, der wie eine Gitarre aussieht, den Namen aber kaum verdient.

Eine gute Gitarre zeichnet sich also vor allem dadurch aus, dass ein Mensch mit beruflicher Ausbildung und Können (oder handwerklich-künstlerischer Begabung - große Könner gehen manchmal nicht durch die konventionellen Lehrbetriebe) sie hergestellt hat. Die schönste 1A Fichtendecke nützt nichts, wenn die Balken unsinnig angeordnet sind, der Begriff „massive Decke“ in der Werbung ist keine Qualitätsgarantie. Bei gleicher Bauart ist die Verwendung von massiven Hölzern wahrscheinlich ein klanglicher Faktor, wichtig ist aber vor allem die Bauweise und auch die technische Funktion des Instruments.

Technische Problemzonen

 

Die Saitenlage ist ein zentrales Thema: wie hoch liegen die Saiten über dem Griffbrett? Zu niedrig heißt: die Saiten schnarren oder scheppern wenn man anschlägt, eine zu hohe Saitenlage macht das Greifen unnötig mühsam. Ein übliches Maß für die Distanz zwischen zwölftem Bund und Saiten ist für die erste Saite um 3,8 mm; für die sechste Saite 4,5mm. Grundbedingung ist ein gerader Hals, und die richtige Fein-Einstellung am Saitenhalter mit Stegeinlage und am Sattel. Der Seitenhalter ist auf der Gitarrendecke aufgeleimt, der Sattel ist das Stück Knochen oder Plastik, über das die Saiten am Kopf geführt werden. Um diese Dinge genau einzustellen braucht der Gitarrenbauer Können und Zeit.

Hals gerade?


Wenn man am Hals entlang peilt, kann man sehen, ob er verzogen ist. Drückt man eine Saite am ersten und am letzten Bund herunter zeigt sich ebenfalls, ob der Hals darunter gerade ist.


erster Bund mit Luft

Wenn man die höchste Saite am zwölften Bund herunterdrückt, sollte zwischen Saite und ersten Bundstab ein Stück dickes Papier passen, bei den Basssaiten eher etwas mehr. Liegt die Saite auf, muss die Gitarre scheppern, passt viel mehr als ein Blatt Papier dazwischen, ist Nacharbeiten des Sattels vorteilhaft. Wenn man die Saitenlage extrem niedrig einstellt, hat man eher mit unsauber schwingenden Saiten Probleme, die dann auf den Bundstäben schnarren, und ein Spieler, der kräftiger anschlägt braucht auch etwas mehr "Wasser unterm Kiel".


Sattel niedrig 1
Sattel niedrig 2

Kaum zu fotografieren, aber man ahnt vielleicht, dass bei dieser fernöstlichen Schönheit die E-Saite auf dem ersten Bund aufliegt, wenn man die Saiten am 12. Bund herunter drückt. Nur A- und d-Saite schnarren nicht, wenn man anschlägt. Offenbar gibt es weder im Herstellungsland noch beim deutschen Internethändler eine ernsthafte Endkontrolle.

Von der anderen Seite: e-, h- und g-Saite liegen auf. Nach der "Reparatur", dem Abschlagen des natürlich angeklebten Sattels und Unterlegen mit Kartonstreifen, sind das A und die d-Saite so hoch, das klar wird: am besten bekäme die Gitarre einen anderen Sattel... Den anpassen zu lassen kosten ungefähr halb so viel, wie die Gitarre gekostet hat!


Steg 1

Eine andere Problemstelle kann der Steg sein, also die Befestigung der Saiten auf der Decke. Man sieht manchmal Gitarren, bei denen der Saitenhalter so hoch ist, dass die Stegeinlage die Saiten kaum höher legt. Ist der Knick, den die Saiten durch die Stegeinlage bekommen, zu flach, scheppern die Saiten hier. Wenn man dann die Stegeinlage erhöht, wird die Saitenlage zu hoch, und man hat ein echtes Problem. Ist hingegen der Knick zu stark, werden hier ständig Saiten reißen.


Steg 2


Rechts sieht man unten einen Steg, der den Besitzer zu häufigerem Wechsel der Basssaiten zwingen wird, während das Foto darüber eine sehr gute Konstruktion zeigt.



Griffbrett aus Schichtholz 2

Um die Saitenlage an einer Billiggitarre zu verbessern habe ich den Sattel abgesprengt und staune nicht schlecht: das Griffbrett ist nicht nur schwarz gefärbt, sondern auch noch aus Schichtholz. Im Schalloch ist die sichtbare Fläche sogar mit schwarzer Folie beklebt...

Griffbrett aus Schichtholz 1

Alles unklar? Diese Dinge sind natürlich besser zu zeigen als zu beschreiben oder zu fotografieren, aber ich hoffe es wird zumindest deutlich, dass es an Gitarren technische Aspekte gibt, die durch schlechte Bauweise oder mangelnde Sorgfalt zu sehr problematischen Ergebnissen führen. Eine gute Gitarre hat man in der Hand, wenn all diese Dinge stimmen, und dann hat sie jemand gebaut, der über Können, Erfahrung und Zeit verfügt hat, und - sie hat entsprechend Geld gekostet...

Gitarren mit einem Abziehbild als Rosette, einem gefärbten Griffbrett und einer Mechanik, die nicht glatt läuft, sondern knackt und springt, sind wenig Vertrauen erweckend. Für einen Gitarrenlehrer sind natürlich schlecht klingende Instrumente ein Gräuel, aber billige Mechaniken, die das Stimmen enorm erschweren können, sind auch kein Vergnügen!

Fast immer ist an billigen Instrumenten der Sattel, das weiße Plastikstück, über das die Saiten am Kopf laufen, am Hals festgeleimt. Fragen Sie mich bitte nicht warum – eigentlich kostet das doch Material und Zeit (Doch, ich hätte eine Idee: Ein Arbeiter klebt die Sättel fest, die dem nächsten am Band beim Besaiten dann nicht mehr herunterfallen - Zeit gespart.)! Die Saitenlage ist schlecht, man möchte den Sattel austauschen, und er ist mit größter Gewalt nicht zu lösen! Stundenlanges Herumbasteln, schließlich bringt man die Gute zum Gitarrenbauer... Bei einem ordentlichen Instrument klemmt dieses Teil unter den Saiten, kann also problemlos ausgetauscht werden.

Massivholz

 

Natürlich gibt es auch Gitarren, bei denen nicht nur die Decke, sondern auch Zargen und Boden, also der gesamte Körper, aus massivem Holz gemacht sind. Im Jahr 2007 etwa ab knapp 600 Euro zu erwerben. Massivholz hat den einen Nachteil, dass es besonders gegen zu niedrige Luftfeuchtigkeit empfindlich ist und reißen kann, aber eine massive Gitarre klingt natürlich besser, und sie entwickelt sich klanglich, wenn man sie viel benutzt. Sie ist ein lebendiger Freund für viele Jahre!

Ab gewissen Preisregionen regiert der Geschmack: Es ist durchaus möglich, dass man beim Gitarrenbauer ein Instrument für 1500 Euro findet, welches andere, die das Doppelte kosten, klanglich übertrifft. Irgendwann bezahlt man natürlich auch den Namen des berühmten Erbauers mit, aber dann besitzt man auch einen wirklichen Wertgegenstand. Ein gutes Musikinstrument unterliegt ja nicht dem Wertverlust eines Autos oder Computers.

Und was muss man nun wirklich für eine „ordentliche Gitarre“ ausgeben? Wenn Sie motiviert sind, eine Gitarre zu kaufen, gibt es konkrete Tipps, wo man etwas Vernünftiges bekommt, und Warnhinweise zum (Mindest-)Preis. Eine konkrete Zahl möchte ich hier nicht nennen. Wenn Sie eine Gitarre besitzen, kann ein Mensch wie ich das Instrument anschauen und beurteilen. Sie kann eine schreckliche Saitenlage haben oder einen angebrochenen Halsfuß, sie kann toll klingen oder zu groß für den Spieler sein - man kann viele Dinge über ein Instrument sagen und dann diskutieren, ob es ungeeignet ist, für die erste Unterrichtszeit ausreicht oder hervorragend gemacht ist.

Gitarren sind jedenfalls vergleichsweise günstige Instrumente, die viel weniger als Streichinstrumente oder Klaviere kosten, und ich bin immer wieder froh, wenn sich die Eltern meiner Schüler bei guten Lernfortschritten für eine vollmassive Gitarre entscheiden, wenn die Jugendlichen ausgewachsen sind - eine Anschaffung für Jahrzehnte, die man vielleicht noch mal überdenkt, wenn man so gut spielt, dass man sich sagt "Jetzt suche ich mal nach einer richtig Guten, auch wenn sie richtig teuer ist." Die etwas veraltete Bedeutung von "teuer" ("Das ist mir lieb und teuer") findet sich auch im Lateinlexikon unter "carus", und auch das englische "dear" bedeutet "teuer, wertvoll, lieb".

Gute gebrauchte Gitarren sind eine feine Sache! Wer sich an Kratzern nicht stört und zu schätzen weiß, dass ein seit zehn Jahren gerader Hals höchstwahrscheinlich auch so bleiben wird, findet so vielleicht sein Instrument.


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Gitarren sind nicht teuer - auch solche nicht, für die man viel Geld bezahlt hat!

Wenn ich einen Gebrauchsgegenstand anschaffe, verliert er in der Zeit, in der ich ihn nutze mehr oder weniger an Wert. Ein Auto kostet neu schon ein bisschen, und wenn es irgendwann wirklich auf dem Schrottplatz landet, ist dieser Wert quasi auf Null gesunken. Computer sind nicht billig und veralten rasend schnell: sie sind nach ein paar Jahren nicht unbedingt kaputt, aber zu langsam und schlecht ausgestattet, um mit aktueller Software benutzt werden zu können.
Kaffeemaschine, Rasenmäher... alles schafft man an, nutzt es, und dann geht es kaputt und kommt zum Müll. Wenige Dinge haben die Aura gewisser Musikinstrumente an sich: Eine Stradivari auf dem Dachboden finden, und der Hauskauf hat sich gelohnt!

Machen wir ein paar konkrete Rechenexempel, immer mit der Vorraussetzung im Kopf, dass eine gute Gitarre motivierend und hilfreich für den Unterricht ist und allgemein mehr Freude bereitet, also den Unterricht effektiver macht. Sagen wir: ich nutze die Gitarre fünf Jahre oder 60 Monate oder 1825 Tage.

Wenn ich mir eine Gitarre für etwa 300 Euro kaufe (ordentliches Instrument, massive Decke, gut spielbar etc.) kostet mich dies Instrument während der 5 Jahre pro Tag 0,16 Euro; monatlich 5 Euro. Das ist übrigens ein Betrag, den man auch bei einer Musikschule in etwa bezahlt, wenn man ein Instrument dieser Preisklasse leiht.

Ach, das muss doch auch mit der billigeren Variante gehen, ich kaufe im Internet eine Konzertgitarre für 80 Euro. Die kostet pro Tag 0,04 Euro (vier Cent) und im Monat nur 1,3 Euro. Ob sich die Ersparnis lohnt?

Bei beiden nicht eingerechnet: Ab und zu wechselt man die Saiten (wenn man das gar nicht tut, spielt man auch nicht viel oder merkt zumindest nicht, dass der Klang mit der Zeit nachlässt). Nehmen wir mal 10 Saitensätze à 10 Euro an, was die teurere Gitarre auf 21 Cent, die billigere auf 9 Cent (mehr als das Doppelte) pro Tag bringt.
Wenn ich manchmal mit der Gitarre unterwegs bin, brauche ich eine Tasche oder einen Koffer. Im Gitarrenladen wurde mir empfohlen, das gute Stück ein bisschen zu schützen, dort habe ich 35 Euro ausgegeben. Als unkundiger Online-Besteller habe ich die Variante für 10 Euro gewählt, die wahrscheinlich eher kaputt sein wird: Reißverschlüsse, Rucksackgurte, bei E-Gitarren sogar der Taschenstoff (beim Tragen drückt der Gurtpin) selber sind die Sollbruchstellen. Die Taschenkosten rechne ich nicht aus, weil ich mich nicht mit mir streiten will, ob die billige fünf Jahre durchhält...

Nach fünf Jahren beschliesse ich, dass ich meine Gitarre zwar geliebt habe, aber inzwischen so gut spiele, dass ich mir eine vollmassive Schönheit in der Preisklasse einer automatischen Cappuccinomaschine (auch bei der läßt sich ausrechnen, was der Spaß pro Tag kostet...) leisten möchte. Aber die Gute ist ja nicht irgendwie kaputt! Ich habe sie immer gut behandelt, ein paar Kratzerchen hat sie, klingt aber noch, Saitenlage ist bestens, also machen wir sie zu Geld!

Am wenigsten werde ich mit Pech für meine "Jetzige" bekommen, wenn ich sie mitten in den Sommerferien im Internet versteigere oder die Auktion während eines WM - Finalspiels oder um 3 Uhr morgens enden lasse. Wenn ich sie in Zahlung gebe wird mir ein fairer Preis gemacht, aber fair heißt in dem Fall auch: der Gitarrenladen will zu Recht etwas verdienen. Am schwarzen Brett der Musikschule geht es irgendwann, aber der Gitarrenlehrer sagt: "Nö, warte mal, ich habe da einige große Jungs, die wachsen gerade aus ihrer Kindergitarre 'raus..." und - Überraschung: der Neupreis der qualitativ (relativ) hochwertigen Gitarre ist 5 Jahre nach Anschaffung vielleicht auf 380 Euro gestiegen, und sie sieht noch so gut aus, dass man sie besten Gewissens für na, sagen wir 240 Euro weiterverkaufen kann. Schwuppdiwupp hat sie mich in den 5 Jahren nur 60 Euro, also 3 Cent pro Tag und einen Euro im Monat gekostet.

Was ich mit diesen Rechenspielchen (die durchaus realistisch sind) illustrieren möchte ist, dass der qualitative Unterschied zwischen einer Billiggitarre und einer etwas besseren durchaus ins Gewicht fällt, während die finanzielle Differenz angesichts der Nutzungsdauer und des Werterhalts eines Musikinstrumentes nicht wirklich schlimm sein muss.

Man kann eine gute Gitarre auch per Mietkauf erwerben, also zu moderaten Raten ausleihen, die einem beim Kauf genau dieses Instrumentes beim Kaufpreis angerechnet werden. Man kann natürlich auch die Billiggitarre wieder verkaufen, allerdings hilft dabei der Gitarrenlehrer vielleicht nicht, weil er sich hierfür nicht engagieren möchte.

Und die Vollmassive für, sagen wir mal 800 Euro?
Meine geliebte Unterrichtsgitarre hat vor etwa 15 Jahren etwa so viel in D-Mark gekostet und ist jetzt dasselbe in Euro wert. Gut erhalten und sorgfältig ausgesucht würde ich für sie 600 Euro als freundlichen Preis ansetzen (ganz abgesehen davon, dass sie nicht zu verkaufen ist). Hat sie dann eigentlich etwas gekostet in der Zeit? Na, solange ich sie besitze, kann ich ja mal 400 Euro durch 15 Jahre rechen: 7 Cent pro Tag oder 2,2 Euro im Monat.
Meine "schöne Gitarre" hat mich bis jetzt etwa 0,33 Euro täglich oder 10,20 Euro im Monat gekostet. Etwa so viel wie zwei große Spaghettieis! Allerdings kostet das Modell inzwischen mehr als doppelt so viel wie vor fünfzehn Jahren.

Wer eine etwas teurere Violine erbt ist natürlich gut dran, wer ein altes Klavier hat nicht: Klaviere und Flügel werden mit dem Alter schlechter. Die Mechanik wird beansprucht, Reparaturen häufen sich, irgendwann halten die Stimmwirbel nicht mehr. Bei schönen Erbstücken lohnt es sich vielleicht, das gesamte Innenleben irgendwann auszutauschen. Das Klavier meiner Kindheit bekamen wir dadurch, das wir uns auf ein Inserat "Klavier zu verschenken" gemeldet haben. Zum Schluss habe ich es im Wochenrhythmus selbst gestimmt (etwas mehr Saiten als eine Gitarre) und als ich einsah, dass seine Tage gezählt waren, es tatsächlich zum Sperrmüll gestellt. So viel zum Thema Wertverlust.


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