Die Gitarre ist außerordentlich beliebt und verbreitet und behauptet sich in allen möglichen Musikstilen. Sie gehört nicht zu den Instrumenten des klassischen Symphonieorchesters, spielt aber in den Bereichen Folklore, Pop und Jazz eine tragende und stilbildende Rolle.
Der seit Orpheus magischste Moment der Musik - ein Mensch singt und begleitet sich dabei selbst - ist spätestens seit Bob Dylan, Joan Baez und Kollegen stark mit der Gitarre verbunden.
Gitarren sind leicht zu transportieren und gehören zu den leiseren Instrumenten, sodass man Nachbarn beim Spielen kaum stört. Im Zusammenspiel müssen sich andere Instrumentalisten ein wenig zurückhalten. Gitarren sind enorm vielseitig, vergleichsweise billig und... nicht so leicht zu spielen, wie man manchmal glaubt.
Als Anfänger beginnt man den Gitarrenunterricht normalerweise auf einer Konzertgitarre. Das ist ein Instrument mit drei Nylonsaiten und drei mit Metall umsponnenen Basssaiten. Im Vergleich zu den Stahlsaiten auf Westerngitarre und E – Gitarre schneiden die Nylonsaiten beim Greifen nicht so in die Fingerkuppen.
Gitarrengrößen Home Gitarre Stichworte oben
Die moderne Konzertgitarre sieht erst seit etwa 1850 so aus wie heute. Die Instrumente waren früher sowohl vom Körper als auch von der Saitenlänge her kleiner. Während zu Zeiten von Antonio Torres die Instrumente schon Mensuren (= schwingende Saitenlänge) von 65cm hatten, sorgte Andrés Segovia, der sowohl körperlich wie als Musiker große Gitarrenvirtuose des vergangenen Jahrhunderts dafür, dass ehrgeizige Gitarristen auf einer Mensur von bis zu 66,5 cm spielen wollen.
Die Mensur der Gitarre: die roten Pfeile markieren Sattel und Stegeinlage. Wenn man eine leere Saite anschlägt, schwingt dieser Teil der Saite, und das nennt man die Mensur.
Wie lang der Kopf ist und was da noch an Saite aufgewickelt ist, zählt nicht. Auch die Position des Steges im Verhältnis zum unteren Korpusrand kann variieren.
Die Frage nach der Größe des Instrumentes spielt nicht nur eine Rolle beim Unterricht mit Kindern. Nicht alle Männer, geschweige denn Frauen haben so große Hände wie Herr Segovia und sollten bei der Auswahl ihres Instrumentes aufpassen. Es gibt viele Kompositionen, die große Streckungen der Greifhand erfordern, und beim Lernen ist Überforderung auch nicht die beste Entscheidung! Zum Glück gibt es Instrumente mit normal großem Korpus bei etwas kleinerer Saitenlänge.
Am Anfang des Gitarrenunterrichts fangen ungefähr gleich viele Mädchen und Jungen mit dem Instrument an. Wenn man Gitarre studiert, ist man oft fast in einer reinen Männerwelt angekommen. Das hat natürlich auf keinen Fall etwas mit der Sperrigkeit des Arbeitsgerätes zu tun!
Im Anfangsunterricht ist es sehr wichtig, sich richtige Bewegungsabläufe anzugewöhnen. Eine ruhige Greifhand, die ihren Arbeitsbereich - vier Bünde für vier Finger - locker bedienen kann, ist eine großartige Errungenschaft.
Ist die Spielmensur für die Hand zu groß, gewöhnt sich der Lernende sofort an, mit der Hand hin und her zu springen, und zwar schon bei den einfachsten Tonfolgen. Wenn im Unterricht gegriffene Bässe angesagt sind, hat man es oft auch noch mit einem zu breiten Griffbrett zu tun. Das tiefe G auf der E-Saite zu halten, und gleichzeitig auf den hohen Saiten eine Tonfolge zu spielen fällt dem Anfänger auch schwer, wenn die Gitarre eine bequeme Größe hat! Auch und gerade Erwachsenen!
(Ja, ich weiß: es gibt ohne Ende Videos von großen Virtuosen als Kinder, die auf viel zu großen Gitarren wunderbare Leistungen zeigen. Was beweist das? Überdurchschnittlich begabte Menschen lassen sich weder von schlechten Startbedingungen noch von schlechten Lehrern oder was auch immer stoppen! Das gilt aber nicht in gleichem Maße für den Durchschnitt!)
Die James Brown zitierende Überschrift "It's a man's world" habe ich mit Absicht gewählt: Männer sind groß und stark (manchmal), Männer wissen immer Bescheid (denken sie) und sind deshalb in ihren Ansichten eingeschränkt (um das höflich auszudrücken), gleichzeitig aber so überzeugt von sich, dass sie von alledem nichts merken (leider).
Häufig sind die Entscheidungsträger aber Männer: der Professor an der Hochschule ist ein Mann, der Musikschulgitarrenlehrer auch (bei uns aktuell 4 : 1), der Typ, der im Laden in der Gitarrenabteilung die KundInnen berät ist ein Mann, und Papa bezahlt die Gitarre.
Wie bitte sehr kommt man da auf die Idee, dass die Gitarre für die inzwischen mit 1,82 ausgewachsene Tochter eine kürzere Mensur haben sollte? Alle spielen doch 65er oder sogar 66er! Papa hat keine Ahnung von Musik, der Ladner kann nicht gut genug spielen oder spielt in einer Rockband und hat nicht wirklich mit fortgeschrittener Gitarrenliteratur zu tun, der Musikschullehrer gibt "die Kleine" ja nun bald ab, und sie war eh immer die Beste, und der Professor an der Hochschule erwartet, dass sie sich anstrengt! Soll sie doch zusehen, dass sie mit den jungen Männern mithält, Frauen sind doch gewohnt, dass sie einen Tick besser sein müssen!
Und in dieser Welt leben wir seit Jahrzehnten! Heute unterrichten die Schülersschülersschüler der Generation Segovia, Pujol, Scheit, Teuchert, und es nicht so einfach plötzlich zu sagen "Guck doch mal die Geiger, oder Bratschen, die sind doch von sehr unterschiedlicher Größe, oder Lauten... sind wir da nicht ein bisschen festgefahren...?"
Auf der Seite der EGTA (european guitar teacher's association) gibt es sehr gute Artikel zum Thema, Tabellen, die Körpergrößen Mensuren zuordnen (ich sollte eine 63er spielen) und die berühmte Faustregel: "Bei aufrecht hingestellter Gitarre wird der Ellenbogen am 12. Bund auf die Zarge gestützt und der Unterarm mit seiner Außenseite an den Gitarrenhals gelegt. Die Gitarre passt, wenn der deutlich sichtbare äußere Knöchel des Handgelenks zwischen ersten und zweiten Bund zu liegen kommt." (Es steht dort "Zur ersten groben Orientierung dient der 'Ellenbogentest' nach Ekard Lind..." - Hervorhebung von mir)
Aber wenn man jetzt dieser Faustregel mit dem Ellenbogen und dem Handknöchel folgt... haben Frauen wirklich so große Hände wie Männer? Ich meine, wir alle lachen immer über die 13jährigen Jungen, die plötzlich mit Schuhgröße 46 herumlaufen - haben Mädchen Schuhgröße 46, wenn sie 1,80 sind?
Die schöne Faustregel klappt - in einer man's world...
Obwohl Fotos hier nicht wirklich viel helfen, weil es ja um Bewegungsabläufe geht und darum, wie locker oder wie verkrampft und angestrengt man aus der einen Situation in die nächste kommt - hier ein paar Beispiele für unbequeme Griffe:


Drei Beispiele aus nicht einmal besonders schwierigen Gitarrenstücken: hier ein Takt aus Bachs D-Moll-Präludium, (original C-Moll für Tasteninstrument bzw. Laute), bei dem man im 1. Bund das tiefe F greifen darf, und dazu mit dem kleinen Finger einen Barrégriff im fünften Bund auf den drei Diskantsaiten.


Zwei Takte aus der Romance von A. Cano. Fotografiert ist der Griff am Anfang von Takt 10. Vor und nach dem hohen dis im elften Bund muss der Spieler mit dem 3. Finger im achten Bund das c greifen, was eine gewisse Flexibilität erfordert.
Es kommt also nicht nur auf die Handgröße an, sondern auch auf die Streckfähigkeit.


Nochmal zwei Takte aus der Romance: nach dem hohen cis mit dem vierten Finger greift man das h mit dem dritten Finger im siebten Bund - auch nicht gerade einfach. Solange man nur Stücke im Schwierigkeitsgrad von Greensleeves spielt, hält man seine Gitarre vielleicht nicht für groß...
Die Beispiele in dieser Reihe sind für fortgeschrittene Spieler:
In A. Mudarras Fantasie, die den Harfenstil des Ludovico imitiert, darf man diesen Griff über fünf Bünde machen.
Ich weiß gar nicht, ob er im Bild links auf der Laute (Mensur 58,5) oder hier auf der Gitarre (65er) unbequemer aussieht - der Winkel des Halses macht sicher auch etwas aus.
In A. Lauros Walzer "El Marabino", greift man mit großem Barrégriff in der 1. Lage Eis, eis, gis, cis und gis auf der hohen e-Saite, danach muss der zweite Finger zum fis...
Warum glaubt man, dass größere Gitarren besser klingen? Und warum wählt man nicht noch längere Mensuren als 66 cm? Die Menschen werden doch immer größer?
Eine Saite hat eine Masse (Länge mal Querschnitt mal spezifisches Gewicht), die bei einer bestimmten Spannung und Länge einen gewünschten Ton ergibt. Eine kürzere Saite ist beim gleichen Ton schlaffer gespannt, das Verhältnis von Querschnitt zu Länge verschiebt sich. Eine im Verhältnis dickere Saite klingt weniger brillant, weil sie weniger flexibel ist. Lange Mensuren sind also toll, aber wenn man es übertreibt kommt der Faktor Reißfestigkeit und macht den berühmten Strich durch die Rechnung: ist die Mensur zu groß für die Tonhöhe, reißen häufig die Saiten. Außerdem wird die Decke des Instruments wegen der steigenden Saitenspannung stärker belastet. Für höhere Saitenspannungen muss man also die Decken dicker fertigen oder anders beleisten, was sich wiederum auf den Klang auswirkt.
Man könnte also größere Gitarren bauen, müsste sie dann aber wohl tiefer stimmen. Die Chitarronen oder Theorben des Frühbarock haben Spielmensuren bis über 90 cm, aber die beiden höchsten Saiten werden nach unten oktaviert, sodass die dritte Saite die höchste ist. Im Reich der E-Gitarren gibt es neuerdings „Baritone“ – Modelle mit Mensuren bis über 70 cm, aber auch diese werden einen oder mehrere Töne tiefer gestimmt.