Ulrich Meyer, Gitarre

Stimmen der Gitarre 3: Die Oberton - Methode << Seite

Wichtig beim Stimmen: Den richtigen Wirbel drehen, nicht zu schüchtern drehen, und vor allem: drehen während man den Ton hört! Der letzte Punkt ist besonders entscheidend, denn wenn man lange genug in eine Richtung dreht ohne etwas zu hören, kann die Saite schon mal reißen.

Stimmen nach der Stimmgabel



Stimmen Sie die A-Saite wieder wie oben beschrieben nach einer Stimmgabel. Sie können auf der A-Saite den Oberton über dem 5. Bund spielen.


Foto Flageolett

d-Saite nach der A-Saite

Dann spielen Sie den Oberton über dem fünften Bundstab auf der A-Saite und stimmen danach den Oberton über dem 7. Bund der d-Saite.
Berühren Sie die Saite über dem 5. Bundstab mit dem Zeigefinger, über dem 7. mit dem Ringfinger. Sanft berühren und kräftig anschlagen! Es braucht ein bisschen Übung, bis beide Töne klar und deutlich klingen, aber das Training lohnt sich: Wenn die Töne nicht stimmen, hören Sie sehr deutlich eine „Schwebung". Wenn sich die Töne einander annähern, wird die Schwebung langsamer. Wenn sie verschwunden ist, stimmt die d-Saite!


Tiefe E-Saite nach der A-Saite


Nun kommt die tiefe E-Saite an die Reihe. Genau umgekehrt wie bei der d-Saite spiele ich zuerst auf der A-Saite den Oberton des siebten Bundes, dann den des fünften Bundes auf der E-Saite. Ich schlage immer die gestimmte Saite zuerst, und die zu stimmende Saite als zweite an. Mein Gehirn kommt damit besser zurecht.



g-Saite nach der A-Saite

Die g-Saite könnte man auf dieselbe Art nach der d-Saite stimmen, ich versuche aber möglichst viel direkt von der A-Saite aus zu machen, damit sich keine Fehler stapeln.
Also nehme ich den Oberton über dem zwölften Bundstab der A-Saite, und stimme danach das im zweiten Bund gegriffene a der g-Saite. Beim Greifen bitte nichts verziehen. Je nach Laune können Sie mit der Anschlagshand am Wirbel drehen - ich höre mir den gestimmten Ton lieber genau an und drehe dann am Wirbel und vergleiche wieder.


e-Saite nach der A-Saite



Als nächstes stimme ich die hohe e-Saite. Dazu erzeuge ich den Oberton über dem 7. Bundstab auf der A-Saite, ein e, und stimme danach die leere e-Saite.



Die h-Saite stimmen


Für die h-Saite gebe ich Ihnen vier Stimmwege:

1. Nehmen Sie den Oberton über dem 7. Bund der E-Saite und stimmen danach das leere h.
2. Schlagen Sie die leere hohe e-Saite an, und stimmen danach das e (gegriffen) im 5. Bund der h-Saite.
3. Greifen Sie das H auf der A-Saite im 2. Bund und stimmen danach das leere h.
4. Machen Sie das Gleiche wie bei drittens, und erzeugen Sie einen künstlichen Oktavoberton, indem Sie mit dem Zeigefinger der Anschlagshand die Saite über dem 14. Bund berühren und mit dem kleinen Finger anschlagen. Sehr elegant!

Beim 4. Bund der g-Saite befindet sich als Oberton ein h, das man nach dem Oberton über dem 7. Bund der tiefen E-Saite stimmen könnte. Aber Vorsicht: beim 4. Bund liegt die reine große Terz. Die g-Saite wird also sehr tief werden, dieser Weg ist definitiv nicht zu empfehlen!

Zum Vergleichen sollten Sie dieselben gegriffenen Töne spielen, wie bei der „5. Bund - Methode".


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Die Bünde der Gitarre sind gleichschwebend temperiert gestimmt (wie ein Klavier), Obertöne sind „reine Intervalle“. Diese beiden Stimmungen vertragen sich nicht. Da unser Gehör eigentlich auf reine Intervalle geeicht ist, kommen uns gleichschwebend gestimmte Instrumente manchmal ein bisschen verstimmt vor, und diese Wahrnehmung ist auch richtig.

Mit reinen Intervallen kann man streng genommen nur in einer Tonart musizieren. Zu Bachs Zeiten wurden neue Stimmungssysteme entwickelt, die gangbare Kompromisse darstellen und ein Werk wie das „Wohltemperierte Klavier“, 24 Präludien und Fugen in allen Dur- und Molltonarten, ermöglichten.

Auf der Suche nach Kompromissen (und damit sei gesagt, dass man eine Gitarre nicht „perfekt“ stimmen kann) für die Gitarrenstimmung sollten Sie unbedingt einige Akkorde spielen, und dann die Stimmung nachkorrigieren, denn Intervalle in reiner Stimmung sind zum Teil größer oder kleiner als in der temperierten Stimmung. Das klingt nicht nur kompliziert, sondern ist es auch, bestimmt aber trotzdem unser Leben als Musiker.

Wenn Sie einen E-Dur-Akkord spielen, haben Sie auf der hohen e-Saite die Oktave des Akkordes, bei A-Dur die Quinte, bei C-Dur und D-Dur die Terz des Dreiklanges. Die Oktave sollte schlicht stimmen, die Quinte wäre gerne etwas hoch und die Terz wäre gerne erheblich tiefer.
Wenn E-Dur genau stimmt, klingt das hohe e beim A-Dur Akkord also ein bisschen tief. Wenn die Quinte von A-Dur genau stimmt, müsste die e-Saite bei C-Dur bei genauem Hinhören schrecklich hoch klingen.
Probieren Sie doch einmal, die e-Saite nach einer reinen Terz zu stimmen: der Oberton etwa 2 - 3 mm vor dem 4. Bund (also näher zum Sattel) der A-Saite ist die reine große Terz (plus zwei Oktaven). Dazu passt der gegriffene 9. Bund auf der e–Saite, das hohe cis. Wenn Sie die e-Saite danach gestimmt haben, klingt ein C-Dur-Akkord phantastisch! A-Dur zieht einem allerdings die Schuhe aus! Die e-Saite ist viel zu tief! Bitte jetzt wieder nach dem Oberton am 7. Bund der A-Saite stimmen: A-Dur ist sehr gut, aber C-Dur klingt wieder sehr streng... Durch solche Versuche bekommt man ein Gefühl dafür, dass man zwischen den Intervallen etwas "vermitteln" muss.

Stimmt man also die beiden höchsten Saiten nach den Obertönen über dem siebten Bund der A- und E-Saiten, macht man sie zur reinen Quinte, also sehr hoch. Ich stimme die drei hohen Saiten nach Gefühl minimal tiefer, damit sie als Terzen in Akkorden etwas freundlicher klingen. Stimmgeräte geben natürlich gleichschwebend temperierte Töne an.

Dass man auf die Diskrepanz zwischen reinen und wohltemperierten Intervallen bei der Gitarre stärker reagiert als zum Beispiel bei einem Klavier, liegt an der Obertonstruktur des Gitarrentons. Wenn man eine Theorbe mit 150 cm langen Basssaiten spielt, wird das Problem noch verschlimmert, da die langen dünnen Saiten die Obertöne noch stärker hervorbringen.

Auf Lauten oder Gamben, die ja richtige, verschiebbare Bünde haben, kann man den reinen Intervallen näher kommen, allerdings muss man für jede Tonart „neu schieben“. Wenn man aber z. B. im ersten Bund sowohl „fis und cis“ auf dem 4. und 5. Saitenchor, als auch „b und es“ auf dem 3. und 2. Chor für ein Stück braucht, sind eigentlich zwei erste Bünde notwendig, sonst klingen die erhöhten oder die erniedrigten Töne wirklich total falsch. Immerhin liegt zwischen „dis“ und „es“ auf einer 58cm – Mensur ein guter Zentimeter! Und damit ist man dann mit dem Latein am Ende, weil ein „Doppelbund“ als erster Bund immense Probleme mit der Saitenlage machen würde. Unsere Stimmprobleme gab es also schon um 1500! Wer Violine oder ein anderes bundloses Streichinstrument spielt, kann alles richtig machen, er muss es aber können...

Der französische Meistergitarrist und ausgezeichnete Komponist Roland Dyens lässt sich in den ausführlichen Vorworten zu seinem schönen Werk "20 lettres pour guitare solo" mehrfach über das Stimmen aus. Seine Forderung ist nicht nur, das Stimmen des Instrumentes nicht zu vernachlässigen, sondern zum einen nicht unabhängig vom Stück, rein technisch zu stimmen, sondern wichtige Klänge und Intervallkombinationen aus dem zu spielenden Werk zu finden und zum Stimmen zu nutzen, und zum anderen das Stimmen wie ein indischer Sitarspieler, ein Flamencogitarrist oder ein Lautenist vergangener Jahrhunderte wie eine improvisatorische Einleitung zu gestalten. Tatsächlich gibt es von Adrian Le Roy (ca 1520 - 1598) eine kleine Fantasie, in der die oben beschriebene "5. - Bund - Methode" ins Stück eingebaut ist. Roland Dyens gibt vor jedem der "20 Briefe" Töne und Akkorde zum Einstimmen an.

Auf der Internetseite der Gitarrengalerie Bremen findet man weitere interessante und detaillierte Artikel zum Thema Intonation, Stimmung und Saiten aufziehen unter „Probleme und Lösungen“.


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