Ulrich Meyer, Gitarre

Saiten

Gitarrensaiten darf man ruhig häufiger wechseln, auch wenn sie noch nicht gerissen sind. Die Basssaiten werden schmutzig, es sammeln sich Partikel in den Rillen der Umspinnung, sie oxydieren und verlieren dadurch ihre Brillanz lange bevor sie am zweiten Bund oder am Steg durchgescheuert sind und reißen. Die ganze Gitarre klingt obertonärmer, weniger warm und strahlend mit alten Saiten!

Die Diskantsaiten aus Plastik wechsle ich persönlich seltener als die Bässe. Wenn sie unsauber schwingen (man sieht deutlich, wenn das Schwingungsbild einer Saite unregelmäßig ist) sind sie nicht mehr bundrein, und man kann die Gitarre nicht mehr ordentlich stimmen. Eine solche Saite scheppert dann auch auf den Bünden, weil Schwingungsbäuche an falschen Stellen auftreten. Das passiert nach längerem Gebrauch (durch Eindrücken an den Bundstäben), man kann aber auch Pech haben und eine neue Saite aufziehen, die nicht sauber schwingt. Ärgerlich, aber Saitenhersteller sind auch nur Menschen!

Dass Saiten unsauber klingen kann auch an der Gitarre liegen. Wenn der Korpus einen bestimmten Ton sehr verstärkt, und dieser mit dem Ton einer leeren Saite oder einem gegriffenen Ton fast übereinstimmt hat das Instrument anscheinend einen "Wolf". Da bei Streichinstrumenten (ein Link zur Webseite des Geigenbaumeisters Martin Schleske) der Ton durch den Bogen immer neue Energie erhält, ist bei ihnen das Problem ausgeprägter, aber auch Zupfinstrumente können betroffen sein: Auf den Leihgitarren unserer Musikschule einer bestimmten Marke sind scheinbar alle hohen e-Saiten falsch. Wenn man in die Gitarre hinein singt merkt man sofort: der Innenraum des Korpus ist auf e gestimmt, und besonders die erste Saite interferiert mit dieser Eigenresonanz.
Aber das gibt es nicht nur auf billigen Gitarren aus China: für meine Abschlussprüfung lieh mir mein Lehrer seine 1A Ramirez - ich schätze mal, so etwas kostet heute einen fünfstelligen Betrag. Erst mal zog ich frische Saiten auf, wobei die ersten vier e-Saiten scheinbar alle "falsch" waren. Als ich nachfragte erklärte mir mein Lehrer, dass das bei der Gitarre so sei...

Zum Glück sind Gitarrensaiten im Vergleich zu denen anderer Saiteninstrumente sehr billig.

Carbonsaiten sind ein relativ neues Saitenmaterial für die Diskantsaiten, die wegen des höheren spezifischen Gewichtes bei gleicher Saitenspannung dünner sind. Das lässt besonders die g – Saite weniger „topfig“ klingen. Die Saiten kosten etwas mehr, aber probieren lohnt!
Es gibt geschliffene Basssaiten, die Quietschgeräusche beim Lagenwechsel reduzieren, aber dafür weniger Brillanz haben - Geschmackssache!

Die Saitenhersteller bieten verschiedene Sätze mit unterschiedlicher Spannung an, "light, medium, hard oder extra hard tension" - man muss halt ausprobieren, was einem am besten gefällt.


Saiten für Kindergitarren Home Gitarre Stichworte oben

Kleinere Gitarren für kleinere Menschen sind eine großartige Sache! Dass die Größenverhältnisse stimmen, ist für den Erfolg des Unterrichts ein immens wichtiger Faktor! Wenn man anfängt, über vernünftige Besaitung zu grübeln hat man einen längeren Exkurs vor sich... willkommen zu meinem Versuch!
In einem Artikel auf der Homepage der EGTA geht es im Abschnitt 6 „Saiten? – Keine Frage: Standard oder Hausmarke!“ auch um diese Thematik.

Zusammenfassend geht es um drei Aspekte:

- Die Saitenlänge auf Kindergitarren ist kürzer, dadurch sind die Saiten schlaffer gespannt.
- Um die Spannung zu erhöhen, bräuchte man dickere Saiten oder Material mit höherem spezifischem Gewicht.
- Der alternative Weg, die Spannung auf kleineren Instrumenten zu erhöhen: höher stimmen.

Kindergitarren haben kürzere Mensuren (die kleinste, die bisher bei mir im Unterricht zum Einsatz kam, war eine 44er, also gut 20 cm kürzer als eine normale Gitarre), was dazu führt, dass die Saiten viel schlaffer gespannt sind und dementsprechend weniger brilliant klingen. Das Verhältnis Durchmesser zu Länge verschiebt sich in Richtung "ungünstiger". Weiterhin machen schlaffere Saiten tendenziell mehr Probleme in Sachen Stimmstabilität - je mehr Spannung, desto sicherer ist zum Beispiel, dass die Saite auf das Drehen am Wirbel tatsächlich reagiert und nicht im Sattel klemmen bleibt.
Um dem abzuhelfen, müsste das spezifische Gewicht der "Kindergitarrensaiten" höher als das von normalen Saiten sein (siehe oben bei den Carbonsaiten). Meiner Ansicht nach wird aber durchaus das übliche Material genommen. Wenn man die Saiten einfach dicker macht, klingen sie dumpf und "topfig".
Gerne ist die g-Saite umsponnen, was natürlich besser klingt (weil das spezifische Gewicht eben höher ist und der Durchmesser kleiner), aber dazu führt, dass die Saite noch schneller reißt als die d-Saite. Sie ist ja noch viel dünner! Außerdem sind Kinder, die plötzlich nur noch zwei blanke Plastiksaiten haben ganz schön desorientiert und finden das gemein. Auch wenn man sich an alles gewöhnen kann - die anderen in der Gruppe und der Lehrer haben blanke g-Saiten, das Abgucken wird also erschwert.

Wenn die Unterrichtsgruppe nicht zu groß ist und die Gitarren alle ungefähr die gleiche Mensur haben, stimme ich die Kindergitarren gerne höher, je nach Größe auf g oder fis. Das erhöht die Saitenspannung und klingt besser. Das Umfeld muss natürlich informiert sein, der Grundschullehrer etwa, weil er das Gitarrenkind sonst nicht mitspielen lassen kann, oder die Mutter, die mal auf ihrer Gitarre mitspielen möchte und dann einen Kapo braucht wie ich im Unterricht.

Wenn man historische Beschreibungen zum Saitenauswählen in Lautenschulen liest, findet man genau das als Kriterium: Je größer das Instrument, desto tiefer die Stimmung (Darmsaiten reißen bei Überspannung einfach gnadenlos schnell), und es gibt ja einiges an Musik für mehrere Lauten, bei der die Lauten gleich gestimmt sein müssen, aber auch Literatur für Instrumente im Sekund- oder Quartabstand. Der Komponist der Renaissance ging davon aus, dass es Lauten auf A, G, aber auch solche auf F, D oder C gab, wenn mehrere Lautenisten zum Jammen zusammenkamen.

Spielt man eine normale Gitarre (Mensur 65 cm) mit einer 0,70er Saite auf der e-Saite, hat diese eine Spannung von 7,5 kg. Mit Hilfe von Arto's New String Calculator habe ich mal eine kleine Tabelle erstellt, die in den beiden grünen Spalten zeigt, wie hoch kleinere Gitarre gestimmt werden müssten, damit bei gleichem Saitendurchmesser für die 1. Saite die Saitenspannung ungefähr gleich bleibt, während in den violetten Zahlenreihen zu sehen ist, wie die Spannung bei kürzerer Mensur aber beibehaltener Tonhöhe abfällt.

Mensur Durchmesser Tonhöhe steigt Spannung bleibt Tonhöhe gleich Spannung fällt
65 cm 0,70 e 7,5 e 7,5
63 cm 0,70 e 7,0 e 7,0
61 cm 0,70 f 7,4 e 6,6
58 cm 0,70 fis 7,5 e 5,9
53 cm 0,70 g 7,0 e 4,9
48 cm 0,70 a 7,3 e 4,0


Man kann also aus der Tabelle entnehmen:
Wenn ich auf einer Gitarre mit 48er Mensur ungefähr die gleiche Spannung haben möchte wie auf einer großen Gitarre, muss ich das Instrument auf a statt auf e stimmen, also eine Quarte höher, so wie eine normale Gitarre mit Kapo im fünften Bund. Wenn ich die kleine 48er einfach auf e stimme, beträgt die Spannung nur 4,0kg.

Bei einer 53er ist die Spannung auf e auf knapp 5 kg gefallen; wenn ich sie auf g stimme bin ich immerhin bei 7,0 kg. Oder ich nehme eine 0,85er Saite (die etwas dicker ist als eine normale h-Saite, also natürlich ein nicht ernst gemeinter Vorschlag!), um auf dem e meine 7,5 kg Spannung zu erhalten.

Bei der 58er Mensur müsste ich auf fis stimmen (Kapo 2. Bund), um die gewohnte Spannung zu erhalten. Auf e gestimmt hat die höchste Saite nur eine Spannung von 5,9 kg (immerhin). Die 61er Mensur hätte auf f gestimmt fast die gleiche Spannung wie die 65er auf e.
Wenn man sich für eine Gitarre mit 63er Mensur entschieden hat, fährt man wohl am besten mit Saiten oder Carbonsaiten mit hoher Spannung.

Zwischenfrage: ist es denn nicht unfair, Kindern die selbe Saitenspannung zuzumuten wie Erwachsenen? Ich denke nicht, denn weil bei kürzeren Mensuren auch die Saitenlage niedriger sein kann, müssen die Saiten nicht so weit heruntergedrückt werden. Der Kraftaufwand wird relativ ähnlich sein. Und es ist ein Segen, weil das seitliche Verziehen der gegriffenen Töne (dadurch wird der Ton zu hoch) bei höherer Spannung reduziert wird. Es gibt weniger schiefe Töne!

Tatsächlich finde ich in einer Packung Saiten für Kindergitarre, Mensur 45 - 50 cm für das e eine 0,82er, für das h eine 0, 87er, und die blanke g-Saite ist etwa 1,0 dick. (Normale g-Saite: 0,90.) Das sind ordentliche Stärken - die Frage ist, ob so dicke Saiten klingen! Auf der 48er Mensur müsste das e 5,6 kg Spannung haben, das h 3,5kg und das g nur noch 2,9. Trotz des großen Durchmessers also keine wirklich hohe Spannung - mit etwas unter 3 kg pro Saite kalkuliert man bei Lauten, die aber ja für diese niedrigen Spannungen konzipiert sind.

Im Satz eines anderen Herstellers hat das e einen Durchmesser von 0,68, das h misst 0,84. Das sind Werte, die mit denen in Saitensätzen für normale Gitarren fast übereinstimmen (das e ist dünner, das h etwas dicker). Auf einer 48er Mensur hätten die Saiten 3,8 bzw. 3,3 kg Spannung, auf einer 53er immerhin 4,7 und 4,0. Das ist beim e weniger, als eine normale e-Saite hätte.
Bei umsponnenen Saiten den Durchmesser zu messen und zu vergleichen scheint mir fragwürdig, weil ja nicht so leicht zu bestimmen ist, welchen Anteil "Seele" und Umspinnung jeweils haben. Die Seele aus Kunstseide ist ja deutlich leichter als das Umspinnungsmaterial aus Metall. Die E-Saiten des "Kindersatzes" und des "Normalsatzes", die ich mit der Mikrometerschraube gemessen habe waren im Durchmesser allerdings praktisch gleich.
Ein Schelm, wer annimmt, in "Kindersätzen" könnten sich normale Saiten (vielleicht der Qualität "hohe Spannung"), nur etwas kürzer abgeschnitten befinden... Jedenfalls ist fraglich, ob das klangliche Ergebniss bei solcher Ähnlichkeit anders sein kann, oder ob man die Instrumente nicht doch lieber höher stimmen sollte.

In der Praxis wird man Gitarren mit 61er oder auch 58er Mensur kaum noch höher stimmen wollen, weil die Kinder dann schon die 5. bis 8. Schulklasse besuchen und sich viel mit ihrer Gitarre in ihrer Umgebung bewegen, mit anderen Instrumenten zusammen spielen und deshalb eine normal gestimmte Gitarre brauchen. Aber man kann immerhin harte Saiten oder gar Carbonsaiten verwenden.

Vielleicht denkt mancher, eine Gitarre sei schließlich eine Gitarre, und man brauche nicht so ein Theater um solche Nebensächlichkeiten zu veranstalten. Dem sei entgegnet: das war noch nichts gegen die Überlegungen zu Saiten, die sich E-Gitarristen machen! Jazzgitarristen spielen auf dem hohen e gerne Saiten, die dicker sind als die h-Saiten von Rockern, für Paulas gibt es spezielle Sätze, "light top / heavy bottom" - Sätze, Bariton - Sätze... ein weites Feld zum Philosophieren und kein Ende in Sicht!


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