Ulrich Meyer, Gitarre

Die Anschlagshand << Seite

Die Anschlagshand ist für mich ganz klar die wichtigere Hand. Niemand erwartet von einem Sportler, dass er Bälle mit einem Schläger trifft, beschleunigt, zielt, den er in der schwächeren Hand hält, von Kugelstoßern oder Speerwerfern ganz zu schweigen.
Wer wirklich bewusst anschlägt, also mit der Anschlagshand Impulse gibt und steuert, der wird das mit seiner „ersten“ Hand machen. Die andere Hand hat zwar viel und wichtige Arbeit, aber sie wählt die Töne nur aus, während die erste gestaltet und das Timing bestimmt. Die Befehlsabfolge mit Reaktion der Nerven sieht ja etwa so aus: im Gehirn wird der Befehl gegeben, die Anschlagshand erzeugt den Ton und die Greifhand geht koordiniert mit. Wenn ein Linkshänder ein Instrument lernt, sollte die Händigkeit berücksichtigt werden. Bei der Gitarre gibt es hier relativ viel Toleranz, da haben wir den Streichern etwas voraus...

>> Der rechte Unterarm liegt auf dem Zargenrand, und die Anschlagshand hängt etwa beim Schalloch locker über den Saiten. Der rechte Handrücken sollte leicht gewölbt sein und so viel Abstand zur Decke haben, dass sowohl die Finger als auch der Daumen parallel zur Decke anschlagen können. Der Daumen schlägt vor den Fingern an, nicht in die Hand hinein oder gar so, dass er mit den Fingern zusammenstößt.

rechte Hand von oben

Der Handrücken befindet sich leicht gewölbt über der Decke. Dadurch kann der anschlagende Zeigefinger locker wie eine Schaukel schwin- gen. An meinem rechten Arm sieht man meinen Ärmel... siehe bei "Unterarmauflagen".

So sieht der Spieler seine rechte Hand von oben. Die Finger werden im freien Anschlag die Nachbarsaiten nicht berühren. Für den angelegten Anschlag ist eine minimale Anpassung nötig.


vorm Anschlag
beim Anschlag
nach dem Anschlag

Der Zeigefinger vor dem freien Anschlag,

im Moment der Saitenberührung, wobei sich das erste Fingergelenk auf Grund des Widerstandes durchdrückt,

...und hier befindet er sich nach dem Anschlag in der Ausschwingphase.


>> Der angelegte Anschlag ist für mich zunächst einmal die "sicherere" Technik für das Melodiespiel. Wenn man frei anschlägt besteht immer die Gefahr, Nachbarsaiten auch zu treffen, also ungewollte Töne zu erzeugen. Beim Anlegen bleibt die Hand tendenziell ruhiger, weil ja immer ein Finger Kontakt mit der Saite hat, während beim Tirando oft die Tendenz zu beobachten ist, dass die Hand von den Saiten weghüpft, um sicher zu stellen, dass nur eine Saite getroffen wird. Außerdem wird beim Anlegen ein vorhergehender Ton auf einer tieferen Saite immer automatisch abgedämpft.

>> Man kann den Appoyando - Anschlag tatsächlich auf zwei Arten falsch machen: wenn beide Finger an der Saite kleben, oder wenn beide in der Luft in der "Ausholposition" sind, macht man es nicht richtig.
Der eine Finger verlässt in dem Moment die Saite, wenn der andere Finger ankommt. Die Finger wechseln sich ab wie die Seiten einer Wippe, wie die Beine beim Gehen.


Wechselschlag 1
Wechselschlag 2


Zeige- und Mittelfinger beim angelegten Wechselschlag. Der Daumen steht auf der tiefen E-Saite als Stütze, was durchaus dem realen Spielgefühl ent- spricht: Wenn man zweistimmig spielt, berühren ja ein Finger und der Daumen gleichzeitig zwei Saiten.
Links holt der Zeigefinger gerade aus, während der Mittelfinger an der h-Saite ruht; rechts ist es umgekehrt. Die e-Saite wird angeschlagen.



>> Wenn der Handrücken der Anschlagshand etwas gewölbt über der Decke schwebt, so dass ein Apfel oder Tennisball hineinpassen würde (siehe oben das Bild "so sieht der Spieler seine Anschlagshand von oben"), trifft der Daumen eher mit der Spitze oder dem Nagel auf die Saiten und der produzierte Ton wird klarer. Berührt der Daumen flach mit der breiten Seite die Saiten, bekommt man besonders mit alten Saiten nur sehr dumpfe, wenig zeichnende Basslinien. Der Gesamtklang der Gitarre verliert viel von seiner Wärme und seinem Obertonreichtum.

>> Der Daumen macht beim Anschlag im Prinzip eine Kreisbewegung, es sei denn, man möchte eine benachbarte Saite abdämpfen: durch Anlegen dämpft man die nächsthöhere, durch eine Ausholbewegung mit Berühren die nächsttiefere Nachbarsaite.

Daumen beim Anschlag

 
Beim Anschlag der A-Saite...

Daumen nach dem Anschlag

 
Nach dem Anschlag schwingt der Daumen über die d-Saite.


Daumen stoppt ab durch Anlegen
Daumen stoppt ab durch Ausholen

Hier wird nach dem Anschlag der A-Saite an die d-Saite angelegt, die damit abgedämpft wird.

Um das A abzudämpfen bevor ich ein d spiele, mache ich hier eine kleine Ausholbewegung und berühre die A-Saite mit dem Hautpolster neben dem Nagel.


Eine weitere Besonderheit bei Gitarristen: Die Fingernägel sind an den beiden Händen unterschiedlich lang. Die Nägel der Greifhand müssen sehr kurz gehalten werden, da die Finger möglichst senkrecht aufgesetzt werden, um Berührung und Abdämpfen der Nachbarsaiten zu vermeiden. Ab einem gewissen Schwierigkeitsgrad der Stücke kann man seine Fortschritte mit zu langen Nägeln definitiv zum Stillstand bringen, weil man die Finger in zu flachem Winkel und nicht mit der Fingerkuppe aufstellt. Schon beim einstimmigen Spiel hat man das Problem, dass die weiche Fingerbeere die Saiten oft nicht stark genug herunterdrückt und gegriffene Töne dadurch scheppern. Man gewöhnt sich falsche Bewegungsmuster an und lernt nicht, einen Punkt auf dem Griffbrett zu treffen, wenn man die Finger so flach auf die Saiten legt, dass sie immer mehrere Saiten berühren (unabsichtlicher Barrégriff).

An der Anschlagshand hingegen lässt man die Nägel wachsen, bis sie etwas über die Kuppe hinausragen. Dann nimmt man ein Stück (7 x 10 cm) sehr feines Schleifpapier (1000er Körnung), faltet es einmal und hängt es so ins Schalloch, dass die eine Hälfte über den Diskantsaiten liegt. Nun schlägt man einen Moment fröhlich mit den Fingern der Anschlagshand an, dreht das Ganze zu den Bässen um und schrappt ein bisschen mit dem Daumen über das Schleifpapier. Jetzt sieht man: jeder Fingernagel hat eine individuelle „Anschlagskante“, da er ja auch einen eigenen Anschlagswinkel hat. Die gefundene Gerade zieht man mit feinen Feilen nach und rundet die Ecken ab, sodass nichts hakt. Manche Gitarristen haben wirklich lange Nägel an der Anschlagshand, andere bevorzugen die kürzere Variante, damit die Kuppe ein bisschen am Spielgefühl beteiligt ist.

Nägel schleifen 1
Nägel schleifen 2

Man kann natürlich auch nur mit der Fingerkuppe anschlagen, aber die Nägel produzieren einen klareren Ton. Schnelle Zerlegungen sind leichter zu spielen, da ein gut geschliffener Nagel besser an der Saite abgleitet als eine Fingerkuppe.

Andererseits hat der Anschlag mit den Nägeln auch Nachteile: ein Auftritt steht an, und zwei Tage vorher bricht bei einer unachtsamen Bewegung ein Nagel. Dann muss der Gitarrist zum Psychologen. Oder ein Gitarrero betätigt sich als Hobby - Klavierspieler. Dann klackern die Nägel auf der Tastatur, und allen anwesenden Pianisten wird schlecht…

Die unterschiedlichen Nagellängen sehen schon komisch aus, und Jugendliche haben oft Imageprobleme deswegen. Das ging mir als Junge Ende der 60er Jahre nicht anders! Man muss halt dazu stehen, dass man Gitarre spielt!
Besonders Schülerinnen empfinden die kurzen Nägel an der Greifhand als nicht schön... kurze Nägel können aber durchaus gepflegt, sauber und bunt lackiert sein. Gleiches gilt für die Anschlagsnägel, und da kann man sich doch wieder freuen, dass wir nicht hunderte oder mehrere tausend Euro für einen Bogen ausgeben müssen!


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