Ulrich Meyer, Gitarre

Die Greifhand << Seite

linker Ellenbogen haengt



>> Weil die Gitarre durch Fußbank oder Gitarrenstütze höher liegt, kann die Greifhand locker den gesamten Hals bis in die höchsten Bereiche des Griffbretts bearbeiten; der Oberkörper ist nicht im Weg.
Der Daumen befindet sich auf der Rückseite des Halses, so dass die Finger einen weiten Aktionsradius haben und die Saiten möglichst senkrecht herunterdrücken. Er dient als „Gegendrucksensor“ und nicht dazu, die linke Hand samt Arm an den Hals zu hängen. Den Arm oben halten – dazu hat man seinen Willen und die Armmuskeln!
Die Fingernägel an der Greifhand sind selbstverständlich kurz, weil man sonst nicht senkrecht greifen kann!

>> Die Finger orientieren sich auf dem Griffbrett an der Position des Daumens gegenüber auf der Halsrückseite, ein Verhalten, dass man als Baby lernt, wenn man mit dem „Pinzettengriff“ gezielt einen Gegenstand anfasst, indem Daumen und Zeigefinger opponierend greifen.



Finger greifen senkrecht
Finger bilden einen Tunnel



links:
Hier greifen die Finger schön senkrecht; der Dau- men ist auf der Rückseite des Halses.



rechts:
Die Finger bilden einen "Tunnel", die Nachbarsaite wird nicht berührt.


Die Greifhand ist für mich die unwichtigere Hand, weil sie die vielen Töne zwar auswählt, die Anschlagshand aber für Timing und Ton(qualität) verantwortlich ist. Trotzdem: was die Greifhand des Gitarristen und das Gehirn, das ja für die vielen genauen Befehle zuständig ist, zu leisten haben ist enorm komplex. Dass ich die Hände für unterschiedlich wichtig halte hat natürlich Konsequenzen für Linkshänder...
Als kleines Beispiel eine Sequenz von 2 ½ Takten aus einem nicht mehr ganz einfachen Stück, einer Aria von Sperontes in Noten und Fotos. Das gleiche Notenbeispiel steht zweimal zwischen den Bildern, damit man immer beides im Blick hat.

Das schöne an dem Beispiel: auf praktisch jede Fingersatzkombination folgt eine bestimmte andere, und zum Glück kann man es so einrichten, dass fast immer ein Finger, der gerade "frei hatte", den folgenden Ton übernehmen kann.

Das Stück ist nicht wirklich schwierig, weil nie mehr als zwei Töne gegriffen werden müssen und keine Lagenwechsel vorkommen. Das Halten der Noten ist aber absolut wichtig, denn nur so kann man ja gebunden statt abgehackt spielen.
Nachdem der Lernende lange einstimmig gespielt hat, und dann meist mit leeren Bässen oder gelegentlichen gegriffenen Noten im Bass zu tun hatte, zeigt sich bei solchen Stücken, wer wirklich beissen kann!

Sperontes 01
Sperontes 02
Sperontes 03

1: (Notengrafik unten) Bei Ziffer 1 im vio- letten Kreis greift der 3. Finger das f auf der d-Saite und die Finger 1 und 2 sind frei...

2: ... und schon greifen Finger 1 und 2 die Töne e und c; der dritte Finger orientiert sich zum dritten Bund der A-Saite.



3: Hier greift der 3. Finger das C auf der A-Saite, und dort bleibt er auch bis zum Ende des Taktes. Die Pause in der Unter- stimme entsteht, indem die Anschlags- hand dämpft, oder der 3. Finger ganz kurz angehoben wird, ohne die Saite völlig zu verlassen.


Sperontes, Noten

4: Ende des zweiten Taktes oben hält der dritte Finger noch das C; der kleine Finger übernimmt das b auf der g-Saite.

5a: Der 4. Finger (Ziffer vor dem f in der unteren Stimme) muss schnell von der g-Saite auf die d-Saite wechseln; dadurch ist der 3. Finger frei für das folgende C. Der freie 2. Finger wird auf das a gesetzt.

5b: Hier die andere Möglichkeit: der 3. Finger wechselt schnell vom C (bei 4) zum f (Fingersatz hinter der Note); da- nach muss er schnell zurück zum C. Der Mittel- finger behält das a auf der g-Saite.


Sperontes 04
Sperontes 05
Sperontes 06

Sperontes 07
Sperontes 08
Sperontes 09

6: Der dritte Finger greift also das C, während der 2. kurz angehoben wird...

7: ...um bei Ziffer 7 im Notentext wieder auf der selben Stelle, beim a auf der drit- ten Saite zu landen.

8: Die beiden freien Finger 1 und 4 grei- fen das tiefe F respektive das f auf der d-Saite. Der zweite Finger wird wieder ein wenig angehoben, um das a zu dämpfen.


Sperontes, Noten

9: Der zweite Finger geht zurück an den alten Platz, der vierte wird gehalten, der erste aber losgelassen, damit sich die Bassstimme vom großen zum kleinen f bewegt.

10: Während der zweite Finger noch auf dem a steht, greift der Zeigefinger das e auf der d-Saite. Damit es erklingen kann, muss der 4. Finger natürlich angehoben werden.

11: Im neuen Takt greifen 4 und 1 kurz nach einander (der Zeigefinger muss ja von der d-Saite zur hohen e-Saite sprin- gen) die Töne d und f. Der 2. Finger wird sofort nachgesetzt werden, um den D-Moll- Akkord zu komplettieren.


Sperontes 10
Sperontes 11
Sperontes 12


Immer wieder liest oder hört man, dass es sich positiv auf Intelligenz, Konzentrationsfähigkeit etc. auswirkt, ein Musikinstrument zu erlernen. Ich hoffe, die Beschreibung oben verdeutlicht, dass alles Andere eine Überraschung wäre! Und das war ja "nur" die Tätigkeit der Greifhand in nicht mal drei Takten...


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