Ulrich Meyer, Gitarre

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Tipps zum Üben gibt es die Menge, auch in Form dicker wissenschaftlicher Bücher. Aber ein paar einfache, die den Fortschritt besonders fördern, möchte ich hier aufschreiben:

- Ein ausgepacktes, leicht zugängliches Instrument (Gitarrenständer, Wandhalterung) und ein aufgebauter Notenständer helfen enorm! Wer immer erst sein halbes Zimmer aufräumen muss, hat (zu Recht) oft keine Lust, überhaupt anzufangen.

- Der Ort will gut überlegt sein! Nicht neben dem Fernseher, der vielleicht sogar läuft. Die kleinen Geschwister in der Nähe helfen nicht unbedingt. Bis zu einem gewissen Alter mögen es Kinder vielleicht, wenn jemand nebenbei zuhört, also Mama vielleicht nebenan am Computer arbeitet, aber Achtung:
Jugendliche brauchen Privatsphäre. Sie wollen zu Hause nicht beobachtet werden oder gar vorspielen. Wenn sie singen oder eigene Songs schreiben, sollte man sie in Ruhe lassen.
Vielleicht suchen sie die entfernteste Ecke des Hauses auf, um niemanden zu nerven – dies bitte respektieren!

- Es ist viel effektiver, sieben mal die Woche ein bisschen zu üben, als zweimal schrecklich lange.

- Es gibt einen besten Tag zum Üben: den Tag nach dem Unterricht. Dann weiß man noch ungefähr, was besprochen wurde.

- Richtig zu spielen ist das Allerwichtigste. Unser Gehirn speichert alles, auch Fehler. Beim „Einfahren“ der Synapsen ist der Denkapparat eher kritiklos: was oft wiederholt wird, soll offenbar funktionieren, also wird diese Nervenverbindung gut geölt und geschmiert. Wenn man 50 Mal eine Stelle mit falschem Fingersatz und Steckenbleiben gespielt hat, kann man sie hinterher sehr gut - mit falschem Fingersatz und Steckenbleiben.

Im Maerzen der Bauer



- Je eher man lernt, beim Üben das Material in kleine Abschnitte einzuteilen, desto besser. Die ersten vier Takte von „Im Märzen der Bauer“ werden wiederholt, die zweiten sind dann anders, und die letzten 4 Takte entsprechen wieder den ersten. Das nennt man eine A A B A – Form. Wenn ich das Stück zehnmal komplett spiele, habe ich den A – Teil 30 Mal, den B – Teil aber nur zehnmal geübt. Kein Wunder, dass ich dann diesen nicht so sicher beherrsche.


- Besonders komplizierte Stellen sollte man langsam und oft wiederholen. Dafür braucht man Stellen, die einfach sind und die so ähnlich schon oft vorkamen, kaum zu üben.

- Es gibt zwei besonders schwierige Takte? Man nehme den Takt davor und den danach, um die Übergänge mit zu lernen, und übe langsam und mit Pausen.

schwierige Stelle Bourree

 
Takt 14 - 17 aus der Bourrée der 3. Cellosuite von J. S. Bach. Mit vielen Wiederholungen üben, dabei die (eingefügten) Pausen zur Entspannung am Schluss einhalten. Dann wird man nicht hektisch und hat eine gewisse Chance...

- Fingersätze und Spielanweisungen erfahrener Herausgeber sind dazu da, benutzt zu werden. Eine Art zu Spielen, die schon vielen geholfen hat, die Töne vernünftig zum Klingen zu bringen ohne hinterher zum Arzt zu müssen sollte man nicht verwerfen, bevor man sie gründlich probiert hat. Mir fällt dazu immer das indianische Sprichwort „Verurteile niemanden, bevor du nicht zwei Wochen in seinen Mokassins gegangen bist.“ ein, obwohl es sicher nicht für Gitarrenfingersätze erfunden wurde.

Üben macht Spaß!

 

Wenn ich übe, genieße ich das Spiel auf dem Instrument, ich denke und überlege, ich wäge ab und entscheide, ich beobachte meine Fortschritte, ich lerne auswendig, ich entspanne mich. Wer zuviel Gegenteiliges beobachtet (Denken während des Übens? Entspannen? – ich bin immer total verkrampft…), sollte überlegen, was er falsch macht. Vielleicht ist es nur die innere Einstellung. Gitarrespielen mit Vokabeln lernen zu verwechseln ist natürlich problematisch…

Ein Instrument zu erlernen ist von vielen Mythen umgeben: Manche sind so begabt, dass sie einfach alles können?! Toll ist es eigentlich nur, wenn man ein Stück richtig kann?! Beim Vorspielen bin ich immer so nervös?! Der Weg ist das Ziel?! Das Ziel ist weg?!

Der Mensch hat ein Gehirn zum Denken, und während er übt ist er hoffentlich ganz bei sich. Die entscheidende, in Science – Fiktion - Filmen immer wieder vernachlässigte Frage ist doch: Sind Aliens uns ähnlich? Machen sie Musik, malen sie Bilder, schreiben sie Unterhaltungsliteratur? SPIELEN sie?

Lesetipps für ältere und interessierte Jugendliche:

 

Immer noch: Frederic Vester: Denken, Lernen, Vergessen, dtv (mit dem Untertitel „Was geht in unserem Kopf vor, wie lernt das Gehirn, und wann lässt es uns im Stich?)

Sehr fachspezifisch, mit vielen sehr guten verrückten Ideen: Gerhard Mantel, Einfach üben, Schott (185 unübliche Überezepte – schon der Untertitel ist für Puristen eine Frechheit). Ein tolles Buch, auch noch beim dritten Lesen!

Leicht esoterisch, aber immer wieder spannend, wenn man mal einen anderen Blickwinkel als unseren westlichen sucht: Eugen Herrigel, Zen in der Kunst des Bogenschiessens, Otto Wilhelm Barth Verlag (eigentlich ein Buch über Philosophie, aber eben am Thema des Übens einer japanischen Kunst).


Mein Lieblingszitat zum Üben stammt aus dem Vorwort eines Buches mit einem Übungsprogramm für Jazzgitarristen, "Super Chops" von Howard Roberts, Cherry Lane Music Company (anscheinend nicht mehr im Druck):

"... Beginning violin studies are made up of seemingly endless exercises of steady uninterrupted eighth-notes, sixteenth-notes, or triplets, etc., which the student practices faithfully every day. Great care is taken to make each note sound perfect. It is through these disciplined and uninterrupted practice regimens that great technique is acquired. In general, those who do it, get it, and those who don't, don't."
"... Anfangsübungen für Violine bestehen aus scheinbar endlosen Etüden von ununterbrochenen regelmäßigen Achtel-, Sechzehntel- oder Triolenketten etc., die der Schüler getreu jeden Tag übt. Große Sorgfalt wird darauf verwendet, jede Note perfekt klingen zu lassen. Durch genau diese disziplinierten und ununterbrochenen Übungs-Kuren erwirbt man eine großartige Technik. Allgemein formuliert: die, die's machen kriegens drauf, und die, die's nicht machen nicht."
Und:

"... Read the instructions carefully. Follow the directions. Do the work and it will work for you too."
"... Lies die Arbeitsanweisungen sorgfältig. Befolge die Hinweise. Mache die Arbeit, und sie wird auch für dich arbeiten."


Üben - wieviel ist genug? Home Gitarre Stichworte oben

Das Üben zu Hause zwischen den Unterrichtsstunden ist ein permanenter Konfliktherd. Egal, ob es um den Erstklässler geht, der immer wieder keine Lust hat, oder um den Erwachsenen, der mit schlechtem Gewissen in die Unterrichtsstunde kommt, weil er nicht genug geübt hat, ständig wird der Lernende bekrittelt, von wem auch immer, mit welchem Recht auch immer. In diesem Zusammenhang sollte man vielleicht auch die Artikel über das Einstiegsalter und den über die Rolle der Eltern lesen.

Versuchen wir, uns an Mengenangaben heran zu tasten. Kunst kommt ja von Können, und nach meiner Erfahrung hängen Erfolg und Spaß eng miteinander zusammen. Erfolg und Können werden durch Arbeit erzeugt. Und - bitte sehr: Arbeit ist etwas Positives!
Nachdem ich diese Behauptung gesprerrt geschrieben habe, möchte ich noch hinzufügen, dass Arbeit und Spiel nach meiner Meinung näher mit einander verwandt sind, als man oberflächlich betrachtet meinen möchte: Klar, für das eine wird man (hoffentlich) bezahlt, und für das andere muss man Vergnügungssteuer entrichten, aber beide eint, dass Gehirn und Körper aktiv sind, dass der Mensch etwas mit seiner Zeit anfängt, statt tatenlos in der Gegend herum zu sitzen. Untersuchen wir Aspekte der freiwilligen zusätzlichen Spiel-Arbeit:

1. Überlegung: Im vorigen Kapitel klang schon an, dass regelmäßiges, tägliches Üben der Weg zum Erfolg ist. Das ist jedem klar, der sich zum Beispiel mit Laufen fit hält: der Trainingseffekt ist immer höher, wenn man regelmäßig und ohne allzu große Aussetz - Pausen läuft.
Aber nicht nur für die Muskeln, sondern auch für die grauen Zellen ist häufige Benutzung der Trick, mehr und schneller zu speichern und zu lernen. Hieraus folgt die

1. Faustregel: Täglich ein bisschen ist besser als ab und zu ganz viel zu üben.

2. Überlegung: Die konkrete Zeit, die man aufwenden sollte, hängt natürlich mit dem Stand zusammen, auf dem man sich befindet. Wenn ein Anfänger zwei Stücklein auf hat, die zusammen 40 Sekunden dauern, wenn man sie leidlich flott spielt, kann er sie in 5 Minuten je fünfmal spielen. Das ist in einer Woche schon eine ganze Menge.
Ein Schüler, der ein Stück auf hat, das aber mit Wiederholungen 2:30 dauert, kommt in 5 Minuten gerade zweimal durch. Anfangs geht das Stück aber noch nicht so glatt, und er muss sich ja auch um schwierige Details kümmern.

2. Faustregel: die Übezeit wächst mit der Länge der Stücke.

3. Überlegung: Wenn man schon älter ist und mit mehr Nachdenken übt, wendet man unterschiedliche Taktiken an. Wichtig finde ich z.B. ein Stück in kurze Abschnitte einzuteilen und diese für sich zu üben. Wiederholte und nicht wiederholte Teile sollte man "gerecht" behandeln. Sehr schwierige Passagen hingegen wiederholt man oft, langsam und konzentriert, bei einfachen Stellen genießt man, wie gut man schon spielt! Auf diese Weise verkürzt sich die Zeit, die man braucht, um ein Stück gut zu können.

3. Faustregel: Qualität und Struktur des Übens verändern dessen Dauer, aber auch das Zeitempfinden.

4. Überlegung: Es ist sehr sinnvoll, sich irgendwann aktiv mit dem Blattspiel auseinander zu setzen. Das verlängert die Übezeit zwar schon wieder, zahlt sich auf Dauer aber aus: Wer gut vom Blatt spielt, lernt den Notentext neuer Stücke schneller, erwirbt Routine und ist besser in der Lage, mit anderen zu musizieren.

4. Faustregel: Blattspiel zu trainieren kostet zunächst Zeit, bringt aber bald Zeitgewinn!

5. Überlegung: Man kommt nicht nur vom Fleck, indem man brav die aktuelle Hausaufgabe übt und dem Lehrer vorspielt. Jede Woche etwas neues zu spielen ist fein, aber so setzen sich die Stücke nicht genug. Man sollte sich frühzeitig angewöhnen, das Stück von der Woche davor, und das von der Woche davor etc. auch durchzuspielen. Das bringt erstens Spaß, weil man die Sachen ja (hoffentlich) gut kann, zweitens kann man sie dadurch nach einiger Zeit noch besser, und drittens wird man dadurch viel sicherer. Und man hat immer ein kleines Repertoire, das man auch vorspielen kann.

5. Faustregel: Wiederhole immer einige Stücke, die du kannst!

6. Überlegung: Es war einmal eine Zeit, da hat man noch technische Übungen gespielt und sich ein- oder warmgespielt... (und sie lebten unglücklich, und wenn sie nicht gestorben sind tun sie das heute noch...) Dazu nutzt man Tonleitern, komische Übungen für die Greifhand oder Zerlegungsstücke. Als ich Schüler und Student war, musste ich vor dem Üben erstmal ein paar wilde Turnübungen machen, weil ich chronisch kalte Finger hatte. Solcherlei dehnt die Übezeit schon wieder aus, macht sie aber effektiver.

6. Faustregel: eine Aufwärmroutine schadet nicht!

Zusammenfassung:

 

Ein Anfänger, 8 Jahre alt, spielt also leichte Lieder, noch einstimmig und ohne Vorzeichen, hat davon zwei zu üben auf, wiederholt die letzten vier immer mal wieder, liest schon ein bisschen Blatt, indem er schon auf die nächste Seite schielt - der nette Mensch könnte 10 Minuten nach dem Zähneputzen abends die Saiten strapazieren und wäre sicher ein Zugpferd in jeder Gruppe dieses Alters. Mit fünf täglichen Übeminuten würde er locker in der Gruppe mitschwimmen.

Oder so: der Schüler ist brav, ehrgeizig, 12 Jahre alt, spielt leichte Suitensätze, hat einen davon auf und versucht diesen zur nächsten Stunde in die Finger zu kriegen, wiederholt täglich die drei Sätze, die er schon kann, hat ein paar Übungen zum Aufwärmen und spielt gelegentlich Blatt in einem Heft, dass er zum Anschauen geliehen hat - dann übt er vielleicht 30 Minuten täglich. Vielleicht hat er richtig viel Spaß daran, und improvisiert noch ein bisschen oder singt aktuelle Hits nach - dann spielt er vielleicht eine Stunde. Er wird nicht dümmer, er schadet der Umwelt nicht dramatisch - das ist doch gut?!

Eine 15jährige will es wirklich wissen, ist beim Wettbewerb "jugend musiziert" angemeldet, überlegt, ob sie vielleicht etwas mit Musik beruflich machen möchte - die kommt vielleicht mit den Hausaufgaben für die Schule ins Gehege, weil sie ja auch noch den Theorieunterricht besucht, außerdem tanzt sie, und die Schule dauert an drei Tagen in der Woche bis gegen vier.

Ich konnte nicht üben...

 

Den Schock meines Lebens bekamm ich dereinst auf einer Fortbildung, als eine Kollegin sich zu Wort meldete und sinngemäß sagte: "Ich gehe mit null Erwartungen in den Unterricht. Ich gehe davon aus, dass die Schüler überhaupt nicht geübt haben, und übe dann mit ihnen in der Stunde".

Das verfolgt mich heute noch, zumal es eine schlichte Tatsache ist: viele Schüler kommen (teilweise mit sehr charmanten Entschuldigungen wie "Ich konnte nicht üben, weil wir waren bei Oma..." - "Wie, die ganze Woche?" - "Nein, Dienstag nachmittag um drei, aber...") in den Unterricht, ohne das Instrument ausgepackt zu haben. Dann ist es wirklich keine gute Idee, ein großes Lamento anzustimmen - da fange ich auch einfach an, mit den Kindern direkt zu üben - besser im Unterricht als gar nicht! Aber - zufrieden bin ich damit nicht, dazu bin ich als Lehrer zu ehrgeizig.

Philosophieren

 

Wenn man ein Instrument lernt, kann man das getrost als Anlass nehmen, ein bisschen über das Leben an sich zu philosophieren! Kinder und Jugendliche haben oft große Probleme, Gitarre üben und das Lernen der Lateinvokabeln als unterschiedliche Dinge zu sehen. Und wenn man denn zu dem Schluss kommt, das sei doch eh dasselbe - na und?! Eben! Wir werden uns immer wieder nach dem Sinn dessen, was wir tun fragen. Ist er uns zeitweise abhanden gekommen, muss man eben gründlicher grübeln - Latein wird nicht dadurch zu Unsinn, dass man im zweiten Halbjahr der 8. Klasse gerade auf 5 steht, und Unterhaltung im TV wird nicht automatisch sinnvoll, weil - ja, weshalb könnte sie das überhaupt sein?!
Auf einem Musikinstrument ein Stück und sich und die eigenen Fähigkeiten zu üben ist so vollkommen sinnfrei, dass man hier nur auf Friedrich Schiller verweisen kann, der in "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen" schrieb: "Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."

Also: nicht lange verhandeln, ob 5 Minuten mehr oder weniger, einfach üben. Es schadet nicht mal dem häuslichen oder inneren Frieden!

 

Üben vor dem Spiegel Home Gitarre Stichworte oben

Sehr nützlich und zu empfehlen ist es, dann und wann vor einem großen Spiegel zu üben, in dem man sich möglichst ganz sehen kann. Man beobachtet dabei viele Dinge: Zunächst einmal sitzt einem jemand gegenüber, der falsch herum spielt. Nachdem man sich daran gewöhnt hat kann man überprüfen:

- Stimmt die Haltung einigermaßen?
- Ist der Oberkörper verdreht?
- Sind die Schultern gerade?
- Befindet sich die Gitarre gerade vorm Körper oder sind die Beine zu eng zusammen?
- Guckt der Daumen weit über den Hals?
- Stehen die Finger der Greifhand einigermaßen senkrecht?
- Hängt der Ellenbogen der Greifhand locker?
- Sind Lagenwechselbewegungen flüssig oder eher eckig?
- Hüpft die Anschlagshand wild herum oder ist sie ruhig?
- Schneide ich beim Spielen Grimassen?
- Ist vor allem die Mundpartie entspannt (Lieber den Mund leicht geöffnet haben, den Unterkiefer also entspannt, als mit den Kiefern mahlen!)?

Viele Digitalkameras verfügen über die Möglichkeit, Videoaufnahmen zu machen, die gut genug sind, um sich selbst in Bezug auf die obigen Fragen in Augenschein zu nehmen. Oder man setzt sich vor das Notebook mit eingebauter Webcam.

Die Gitarre ist für das Publikum ein dankbares Instrument. Den Notenständer nicht zu hoch und etwas zur Seite der Greifhand gestellt braucht der Gitarrist eigentlich weiter keine Show – Effekte, um interessant zu beobachten zu sein.


Genaue Beschreibung: Selbstgespräch - Sportkommentar Home Gitarre Stichworte oben

Wir erklären uns die Welt ständig, indem wir einen inneren Monolog darüber führen. Wir benennen, beschreiben, kommentieren und bewerten ständig. Ohne jetzt die Diskussion anzufangen, ob es vielleicht noch andere Realitäten jenseits der allgemein anerkannten gibt, die wir nur nicht wahrnehmen, weil wir uns die eine dauern bestätigen, und ob Denken ohne Sprache (ob laut oder innerlich) möglich ist, möchte ich anregen, sich diese Tätigkeit zu Nutze zu machen, um Dinge zu lernen und im Gedächtnis zu verankern. Das, was man gerade tut wie ein Sportkommentator im Stile der Radio-Berichterstattung von Fußball - Bundesligaspielen zu beschreiben kann die Tätigkeit erheblich besser speichern.

Spracherwerb

 

Der Spracherwerb eines Kleinkindes läuft offensichtlich über ständiges Nachahmen, Wiederholen und Ausprobieren. Lange vor der üblen Strafe des Latein-Vokabel-lernens lernen Babys mit großer Begeisterung Vokabeln und freuen sich über die Eroberung der Welt durch Benennen. Wenn man das Glück hat, etwa als Austauschschüler längere Zeit im Ausland zu leben, macht man dieses Stadium noch einmal, wahrscheinlich etwas bewusster durch: man erobert sich die neue Schulumgebung, indem man nicht nur unbewußt abspeichert "Da ist das Klassenzimmer, da die Mensa, da der Musikraum, da fährt der Schulbus ab", man speichert wesentlich genauer, indem man die korrekten Bezeichnungen für all die Dinge in der fremden Sprache lernt. Dann kann man mit Menschen in der neuen Umgebung über die Dinge kommunizieren, und hat damit an ihrer Beschreibung der neuen Welt teil. Eigentlich ein einziger großer Spaß!

Dinge denken

 

Die Grundlage des Anfangsunterrichtes auf der Gitarre ist das Viereck Ton (Klang) - Note - Name - Ort auf dem Griffbrett. Wenn man nicht gewollt die Ebene der Benennung, also Note und Name ausklammert, weil man nach Gehör und Gefühl spielen will, muss man am Anfang dieses Zuordnungsviereck angehen. Dazu hilft enorm das innere Selbstgespräch: je mehr der Lernende sich vorsagt, was er da gerade tut, und wie das alles heißt, desto schneller sind die Vokabeln drin.

Es ist immer wieder ertaunlich, wie unterschiedlich Kinder diesen Lernprozess durchlaufen, der auf der Gitarre ja sehr komplex ist: es reicht ja nicht, dass eine Note einen Namen und einen Ort auf dem Griffbrett hat, nein, man muss auch noch lernen, dass das "a auf der g-Saite" genau das ist (also ein a, dass man auf der g-Saite greift, und nicht ein g, das auf der A-Saite zu finden wäre), und nicht einfach nur ein a (könnte ja auch die A-Saite gemeint sein), und dass man zum Spielen mit der anderen Hand auch noch die richtige Saite anschlagen muss! Irgendwann lernt man dann auch noch, dass derselbe Ton auch auf der d-Saite, der A-Saite und der tiefen E-Saite zu finden ist, und warum und wo.
Nach dem Schreiben solcher Absätze frage ich mich immer, ob man das überhaupt lesen kann und beschliesse dann: genau so muss es da stehen. Der Leser muss sich quälen, den Sinn zu finden, denn genau so kompliziert ist das Beschriebene für das Gehirn eines Anfängers!

Erste Beschreibung

 

Je mehr der Lernende also beim Spielen eines Taktes denkt "Ich greife das d auf der h-Saite, jetzt das c auf der h-Saite, nun schlage ich die h-Saite leer an, jetzt kommt das a auf der g-Saite, dann wieder die h-Saite, das c auf der h-Saite, wieder a auf der g-Saite und dann das leere g, und schon habe ich die erste Zeile von 'Summ, summ, summ' gespielt", desto schneller lernt er die Zuordnungen. Aber das war bei weitem noch nicht genau genug:

Summ summ summ, Noten

Um die Begriffe wirklich genau zu erlernen (und ungenau nützen sie einem wenig, führen eher zu Verwirrung), muss die Beschreibung im Selbstgepräch auch genauer sein:

Genaue Beschreibung

 

Ich greife mit dem 3. Finger das d auf der h-Saite im 3. Bund und schlage mit dem Mittelfinger (m) die h-Saite (2 im Kreis) an, dann greife ich mit dem 1. Finger das c auf der h-Saite im ersten Bund, hebe den 3. Finger ab und schlage mit dem Zeigefinger (i) die h-Saite an, dann hebe ich auch den 1. Finger und schlage mit m die leere h-Saite an. Nun greife ich auf der g-Saite mit dem 2. Finger im zweiten Bund das a und schlage mit i die g-Saite an, danach schlage ich wieder die leere h-Saite mit m an, darauf greife ich das c im ersten Bund der h-Saite mit dem ersten Finger und schlage diese Saite mit i an, als nächstes greife ich wieder mit dem 2. Finger im 2. Bund der g-Saite das a und schlage die g-Saite mit m an, die ich danach mit i noch einmal anschlage, nachdem ich den 2. Finger angehoben habe. Uff!

Das also läuft im Prinzip im Gehirn eines Zweitklässlers ab, der ein solches Fünftonlied spielen kann. "Im Prinzip" soll heißen, dass Kinder im Ernstfall die Beschreibung der nötigen Bewegungsabläufe für die einzelnen Töne natürlich sprachlich auf Stichworte ohne Konjunktionen reduzieren.

Wenn diese Beschreibung verankert ist, ist das Erlernen weiterer Töne deutlich leichter. Wird sie völlig übergangen, also nur nach Gehör gespielt, muss das Anfangs nicht schlechter laufen, aber machen wir uns nichts vor: Wenn in Internet-Videos gezeigt wird, wie das Solo in einem bestimmten Popsong gespielt wird, benutzt der "Lehrer" auch Begriffe. Und ob "your second finger goes to the eleventh fret on the b-string, and then you move up three frets..." der direktere Weg zur Seligkeit ist, sei mal dahingestellt. Ich bin mit einer konkreten Beschreibung mit Bezug zu Noten immer gut zufrieden gewesen...

Was jetzt noch fehlt, wäre ein innerer Dialog zum Rhythmus des Liedes. Man kann beim Spielen mit dem Fuss die Zählzeiten klopfen, laut zählen, oder beides machen. Natürlich kann man auch die Notennamen singen, oder den Liedtext. Und wenn man's kann, denkt man mal an gar nichts und beobachtet nur und genießt!

Weiter oben habe ich im Abschnitt "Greifen" versucht darzustellen, was alles in einer zweistimmigen Passage mit gegriffenen Tönen in Oberstimme und Bass passiert - wenn man das in die "Sportkommentar-Sprache" übertragen wollte, käme eine Unmenge Daten zu Tage! Trotzdem ist genau das, die wirklich minutiöse Beschreibung in Worten, beim Erlernen einer schwierigen Stelle oder eines komplexen Griffwechsels ein probates Mittel, die Sache wirklich in den Griff zu bekommen! Wer schreibt, der bleibt; wer beschreibt, der schafft Lerninhalte in sein Langzeitgedächtnis!


"Erklärend spielen" Home Gitarre Stichworte oben

"Erklärend spielen" ist ein Übekonzept, das dem vorigen (Selbstgespräch) ähnelt, aber weniger verbal abläuft, sondern mehr auf zeigen beruht. Dabei braucht man nicht notwendig jemanden, dem man etwas zeigt, es geht hierbei mehr um eine innere Haltung beim Spielen und Üben.

Um sich selber eine schwierige Stelle wirklich klar zu machen, wirklich genau vorzuführen, welche Bewegungen z.B. die Greifhand macht, setzt man beim Spielen das Metrum ausser Kraft, schert sich also nicht groß um rhythmische Richtigkeit, sondern hält bei entsprechenden Stellen inne, verfällt in zeitlupenartiges Spielen, übertreibt Bewegungen, spürt der Energie nach, die für das Schwungholen, fürs Ausschwingen, das Abbremsen nach dem Lagenwechsel erforderlich ist. Wie einer Ballettchorographie schaut man dem Tanz der Finger auf dem Griffbrett zu und staunt.

Die Betonung liegt hier also mehr auf Spüren und Zeigen als auf dem "Sportkommentar" des vorigen Abschnitts. Die möglichst genaue verbale Beschreibung zielt mehr auf das intellektuelle Verstehen, während ich hier eher das Intuitive, das Spüren und Fühlen meine. Wie viel oder auch wie wenig Druck man zum Beispiel braucht, um einen Ton innerhalb eines Barrégriffes sauber hinzubekommen, ist eher eine Sache der Bewußtwerdung eines Gefühls als eines Gedankens.

Gerhard Mantel stellt in seinem wirklich lesenswerten Buch das Rezept des "Einbrennens" vor, bei dem man bei einem einzelnen Sachverhalt oder Ton mindestens fünf Sekunden verharrt, um sich dessen Eigenschaften wirklich einzuprägen. Eventuell mehrmals und - wichtig - mit Pausen wiederholen, und man hat bessere Chancen, eine Passage richtig im Langzeitgedächtnis zu verankern.
Das Wort "einprägen" gemahnt ja an den Vorgang des Prägens einer Münze, "einbrennen" klingt, als ob man einen CD-Brenner als Analogie für das Gehirn hernimmt. Auf alle Fälle sollte man immer wieder daran denken: das Gehirn ist kein Strohhaufen oder Holzklotz (hoffentlich), sondern ein komplizierter Apparat, in dem das, was wir global "Lernen" nennen letztendlich Veränderungen auf bio-chemischer Ebene meint. Da passiert etwas Wirkliches mit Materie. Deshalb ist auch jeglicher Optimismus, Fehler könne man sich ja schnell eben wieder umgewöhnen völlig unbegründet! Gerade die schlauen Kinder brauchen lange, um die deutsche Griffweise auf der Blockflöte zu "verlernen", nachdem sie umgestiegen sind - weil sie sie besonders gründlich erlernt und sich eingeprägt haben.


"Rückwärts üben" Home Gitarre Stichworte oben

Fingersätze für die Greifhand können auf der Gitarre enorm komplex sein - oft muss man lange überlegen, bis man die beste Möglichkeit gefunden hat. Beim Finden und Erarbeiten eines Fingersatzes für eine schwierige Stelle muss man immer wieder vom Ziel zum Ausgangspunkt rückwärts überlegen. Oft genug spielt man einige Tage eine Version, bevor man auf eine andere kommt, die dann ihrerseits etliche Übesitzungen probiert wird, bis man merkt "Die ist es!" Und man bleibt am Ende häufig bei einer weniger eleganten, dafür aber gängigeren und praktikableren Lösung.

Was liegt also näher, als Stücke "von hinten nach vorne" zu üben?!

Es kann sein, dass man sich Viertaktgruppen vornimmt, oder auch kürzere Phrasen. Auf alle Fälle beginnt man mit dem Ende oder einem Etappenziel, und wenn das "sitzt" geht man zur Stelle davor, und wenn diese klappt, kümmert man sich um die Nahtstelle. Dann ist die drittletzte Taktgruppe an der Reihe, man übt die Überlappung zur zweitletzten und so weiter.

Dieses Verfahren hat viel für sich, besonders bei komplexen Stücken: einmal ist das, was man nach der aktuell beackerten Baustelle spielt immer schon bekanntes und gekonntes Material. Das ist psychologisch sehr erfreulich. Man denkt nicht ständig "oh, wie werde ich das hinkriegen..." - nur ein Trick, aber ein netter. Außerdem ist dieses "rückwärts üben" eine gute Hilfe, wenn man vorhat, ein Stück auswendig zu lernen.
Und man ist tendenziell etwas disziplinierter bei der Arbeit. Wie verlockend ist es immer wieder, doch mal weiter zu spielen als man das Stück eigentlich beherrscht, und es ist ja auch wichtig, den Überblick übers große Ganze zu gewinnen... Wenn ich von hinten aus ein Stück erarbeite, ergibt sich leichter "rituelles" Verhalten der Lernaufgabe gegenüber: "Nein, nur zwei Takte, wie vorher...!" ist die Devise. Diese Strenge hilft mir jedenfalls, nicht zu viel über die Stränge zu schlagen.


"Zusammenstauchen" Home Gitarre Stichworte oben

Karl Scheit hat es in seinen Ausgaben von Bachs C-Moll Präludium für Laute (nach D-Moll transponiert) oder den Vorübungen zu einigen Nummern aus Carcassis Opus 60 vorgemacht: wenn ein Gitarrenstück sehr von der akkordischen Struktur geprägt ist, ist es sinnvoll, diese aufschreiben.
Beim Üben ist es sehr hilfreich, die Akkordstruktur beim Lesen der Noten zu erfassen und das Ganze auch so zu spielen: alles, was man in einem Takt oder Sinnzusammenhang gleichzeitig spielen kann gleichzeitig zu spielen. Dabei immer vorauslesen und den nächsten Griffwechsel antizipieren. Dadurch beschleunigt man die Auffassung des Stückes und versteht es gründlicher, und man gewöhnt sich an, zu haltende Töne als solche zu erkennen. Das gibt mehr Klang und ähnelt dem Effekt, den Klavierspieler mit der Benutzung des rechten Pedals erzeugen.

Sor, Walzer normal

 
Oben: die ersten acht Takte eines kleinen Walzers von Carulli, der eigentlich nur aus Akkordzerlegungen besteht.

Unten: Der Anfang des gleichen Stückes "zusammengestaucht". Lediglich in Takt 1 und 5 liegen zwei Akkordtöne auf einer Saite, müssen also nacheinander gespielt werden. Alle anderen Töne kann man gleichzeitig spielen, was - wenn man es darauf anlegt - das Stück auch sehr verkürzen kann... Anhören beider Notenbeispiele.

Sor, Walzer gestaucht

Der "Raumspareffekt" des zusammengestauchten Aufschreibens fällt bei folgendem Beispiel noch deutlicher ins Auge: "Una Limosnita por Amor de Dios" von Barrios Mangoré ist ein Tremolo - Stück, bei dem man pro Zeile gerade mal zwei Takte unterbringt und damit 6 Seiten für die Komposition braucht. Gestaucht passen acht Takte in eine Zeile.

Barrios, Tremolo normal

 
Den vier ausgeschriebenen Takten oben entspricht die Hälfte der unteren Zeile!

Barrios, Tremolo gestaucht

Einen besonders großen Übeeffekt hat man von diesem Verfahren, wenn man die Noten nicht aufschreibt, sondern "im Kopf zusammenstaucht". Dadurch macht man auch große Fortschritte im Blattlesen.


Singen und Gitarrespielen Home Gitarre Stichworte oben

Es geht wirklich! Es gibt einige Instrumente, bei denen man spielen und gleichzeitig singen kann, und die Gitarre steht hier ganz vorne, neben dem Klavier.

Viele Gitarrenschüler möchten Akkorde spielen lernen, unglücklicherweise ist singen aber total uncool! Was tun?

Trotzdem singen! Heimlich! Im stillen Kämmerlein! Gitarrespielen und dabei singen macht Spaß, ist extrem Intelligenz fördernd, weil man ja die Liedstrophen oder die Akkorde auswendig lernen oder nach Gehör begleiten muss, und fördert das Rhythmusgefühl sehr stark. Außerdem – hier werden mir sicher alle Gesangslehrer beipflichten – ist singen einfach gut für das gesamte Befinden, hebt unweigerlich die Stimmung und vertreibt Depressionen. Nicht zufällig ist „Bernd das Brot“ auch Leadsänger einer Art Rockband!

Man kann vielen unbefangenen Menschen durch Singen (mit Gitarrenbegleitung) eine große Freude bereiten! Erwachsene und Jugendliche sind natürlich immer befangen, zieren sich, "können nicht singen" und was nicht alles - sobald man mit "normalen Kindern" zu tun hat, mit ihnen ein Lied singt und kein Brimborium darum macht kann man den Spaß am Singen wieder entdecken und weitergeben. Als - ich glaube nocht während meines ersten Schuljahres - eine neue Lehrerin kam, die Gitarre spielte und mit uns sang war mein Herz jedenfalls an Gitarre und Lehrerin verloren!

Wie man auf die richtigen Akkorde zum Begleiten kommt (wenn man nicht seinen Lehrer oder die Suchmaschine fragen will) habe ich für Dur und Moll an den verlinkten Stellen zu beschreiben versucht.

"Ich kann nicht singen!"

 

Wenn die Sprache auf's Singen kommt, sagen viele Menschen spornstreichs, dass sie's nicht können - was mit dieser Aussage gemeint ist, bleibt nebulös... Kommt nur ein Gekrächze? Sind alle oder die meisten Töne schief? Kann der Aussagende im Prinzip sehr wohl sauber singen, hat aber eine dünne Stimme, die nicht besonders schön klingt?

Ich werde jetzt nicht behaupten, dass jeder Mensch singen kann. Klar geht das irgendwie, aber mancher trifft wirklich die Töne nicht. Von dem sagt man dann nicht, er könne singen, denn das impliziert irgendwie immer, dass jemand gut oder ziemlich schön singt.

Es gibt aber einen Haken bei der Sache, der bei nicht sing-gewohnten Menschen zu deutlich schlechteren Ergebnissen führt als nötig. Das ist die Sache mit der Stimmlage.

Stimmumfang

 

Grob teilt man Singstimmen in vier Abteilungen ein: Sopran, Alt, Tenor und Bass. Im Grunde sind das nur zwei: Sopran die hohe Frauenstimme, ihr entspricht bei den Männern der Tenor, nur eine Oktave tiefer, und was bei den Männern der tiefe Bass, ist bei den Damen der Alt.
Natürlich gibt es noch Mezzosopran ("mezzo" heißt halb, was nicht bedeutet, dass die Damen nur halb sind, sie können nur nicht so schrecklich hoch) oder Bariton (Männer wie ich, die nicht so richtig tief können). Solche Menschen haben in der Oper als Solisten bestimmte Rollen, und als arme Chorsänger viel zu leiden...

Um langsam zum Kern der Sache zu kommen: Wenn jemand, der nicht viel Übung im Singen hat (gerne jemand durchaus musikalisches) seine Gitarre nimmt und einen Song nachsingen möchte, dieser aber wirklich ausserhalb des eigenen Stimmumfangs liegt, singt der gute Mensch gerne erstens falsch, und zweitens überraschend oft "eine halbe Oktave" zu hoch oder tief, und dann aber halbwegs richtig. Man braucht ein bisschen, um diese Beobachtung zu machen (der Sänger darf nicht nach vier Tönen abbrechen), aber es passiert wirklich, dass jemand ein Lied in C-Dur spielt, und (sofort oder ab einer Stelle, wo's deutlich höher oder tiefer wird) in F-Dur eine Quarte höher oder eine Quinte tiefer singt. Ungefähr. Natürlich stören ihn die falschen Akkorde, er fühlt sich unwohl, singt deswegen noch schiefer, aber im Prinzip...

Ein wirklich unmusikalischer Mensch würde vielleicht fertig bringen, in As oder Fis, also in einer Tonart zu singen, die mit den Gitarrenakkorden gar nichts zu tun hat, aber F-Dur und C-Dur haben ja bis auf einen Ton das gleiche Tonmaterial, also klingt relativ viel einigermaßen passend, obwohl es natürlich zur Begleitung dennoch total falsch ist.

Was tun?

 

Man muss das Lied der eigenen Stimmlage anpassen! Dazu muss man erstmal herausfinden, wie hoch und tief man singen kann, und man sollte wissen: wenn man sich ein bisschen einsingt, erreicht man in der Höhe den einen oder anderen Ton, bei dem man sonst ganz schnell heiser wird, wenn man ihn forciert.

Fast alle weiblichen Popstars sind Altistinnen, männliche Rockmusiker sind fast ausschließlich Tenöre. Bei Udo Lindenberg heißt es "Und Paul sang wie ein Mädchen, das kam unheimlich an" - bei "Help" von den Beatles geht es bis zum hohen cis.

Stimmlagen

Links: Die Stimmlagen - Achtung: der Tenor im unteren System ist im Violinschlüssel mit "8" darunter geschrieben.

Unten einige Songbeispiele: "Complicated" von Avril Lavigne passt in die Altstimme, "A thousand miles" von Vanessa Carlton ebenso, mit etwas geringerem Umfang. "Dreamer" von Ozzy Osburne spielt man am besten in G und platziert den Kapo auf den ersten Bund, dann ist man als Tenor unterwegs, und "More than words" ist im Tonumfang ganz am Schluß schon extrem hoch - die Band heißt ja auch "Extreme"... Man spielt es natürlich in G, stimmt die Gitarre aber einen Halbton tiefer, dann ist man in Ges-Dur.

Beispiele Stimmumfang Songs

 
"Wild World" von Cat Stevens wird von ihm selber in C-Dur gespielt - mit dem Tonumfang kommt endlich mal ein Bariton gut zurecht, während die Version der Band Mr. Big in F-Dur dann wieder einen jugendlichen Heldentenor verlangt.
Als letztes Beispiel "Father and Son" von Cat Stevens, bei dem in den Strophen des Vaters ein Bass klagt, während der Sohn den Generationenkonflikt im Tenorbereich betreibt.

Also, man ist Sopran oder Tenor und möchte "Complicated" von Avril Lavigne singen. Im Original in F-Dur, die Gesangsstimme geht vom f über eine Oktavsexte zum hohen d - das ist Standardumfang eines Chor - Altes. Als Sopran oder Tenor schafft man das aber nicht!
Als erste Maßnahme holt man seinen Kapo und klemmt ihn versuchsweise auf den 5. Bund. Dann steht das Lied in B-Dur, und man kann eine Quarte höher oder eine Quinte tiefer singen. Wenn das zu viel oder zu wenig ist - Kapo bundweise versetzen, bis man sich einigermaßen wohl fühlt.
Und jetzt muss man jemandem vorsingen und fragen, ob's denn so besser ist.

Manche Popstars haben einen großen Stimmumfang und nutzen den entsprechend aus. Wenn man da nicht mithalten kann, sollte man vielleicht etwas anderes wählen. Umgekehrt ist es kein Zufall, dass viele "echte" Kinderlieder einen relativ kleinen Tonumfang haben. Den "Kuckuck", der in fünf Tönen aus dem Wald ruft, kann ein Sopran in C-Dur singen (das ist eher tief oder sehr hoch), für ein Kind mit Altstimme (selten) ist es in C ziemlich bequem in der Mittellage.

Wenn man mit Kindern singt, muss man sich als Erwachsener an ihre Stimmen anpassen, nicht umgekehrt. Die nette Erzieherin mit der sonoren Altstimme, die Lieder mit der Gitarre begleiten kann muss sich halt in die höheren Regionen hinaufquälen, denn die Kinder können nicht tiefer als sie können, das ist ja eine Frage der Kehlkopfgröße. Und wenn Kinder in Kindergarten und Grundschule ständig die Erfahrung machen, dass sie schief singen, weil sie gezwungen werden, zu tief zu singen, dann sagen sie halt später im Gitarrenunterricht, wenn die Rede auf Akkorde und Liedbegleitung kommt "Ich kann nicht singen" - obwohl das gar nicht stimmt!


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