Ulrich Meyer, Gitarre

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Barockgitarre nach Sellas


Die Verwandtschaft der Gitarre ist groß, unübersichtlich und eine Wissenschaft für sich. Wenn man die Musik „original“ spielen will, muss man sehr viele Instrumente kaufen. Ansonsten spielt man sie auf der Gitarre, mehr oder weniger stark bearbeitet.

Bei Gitarren in Renaissance und Barock war jede Saite doppelt vorhanden, wie heute noch auf Mandolinen oder 12-saitigen Westerngitarren. Sie hatten 4 oder 5 „Saitenchöre“ und sehr unterschiedliche Stimmungen. Wenn man Kompositionen für diese Instrumente auf der modernen Gitarre spielt, kann man bei Bearbeitungen überlegen, ob man Töne hinzufügt oder oktaviert, um den größeren Tonumfang der heutigen Gitarre zu nutzen.


rechts: Barockgitarre nach Matteo Sellas von R. Lechner


Renaissancelaute nach Venere

Bei Stücken für Laute hat man das umgekehrte Problem: ab etwa 1580 ist die Laute in der Regel siebenchörig, und die Entwicklung geht schnell weiter bis zu 10 Saitenchören um 1620; dann wird mit der Stimmung der sechs hohen Saiten experimentiert und das Instrument bis zu 13 Chören erweitert. Der Tonumfang der meisten Lauten ist also größer, deshalb muss man in Bearbeitungen für Gitarre tiefe Töne nach oben oktavieren. Musik für sechschörige Laute oder für die spanische Vihuela de mano kann man direkt aus den originalen Tabulaturen spielen.


siebenchörige Laute nach Venere von R. Lechner

Nach 1800 wird die Gitarre dann sechssaitig. Aber einige Gitarristen der späten Klassik und der Romantik suchten wieder nach Erweiterungsmöglichkeiten und spielten zum Teil Gitarren mit zusätzlichen Basssaiten. So braucht man für die Kompositionen Napoleon Costes manchmal eigentlich eine sieben- oder achtsaitige Gitarre; Mertz verlangt gar 10 Saiten; die Kompromisslösung ist wieder das Oktavieren tiefer Töne.

Ab etwa 1530 gibt es eine gewaltige Menge sehr guter Musik für Zupfinstrumente, die längst noch nicht ganz ins Repertoire eingegangen ist. Allein das Werk von Sylvius Leopold Weiss für Barocklaute umfasst so viele Suiten, dass man es mit Beethovens Sonaten für Klavier vergleichen kann. Und so wie man heute in Heften für Keyboard die neusten Popsongs kaufen kann, wurden die Hits der Renaissance von Lautenisten für ihr Instrument z.T. in äußerst virtuosen Fassungen bearbeitet.


Barocklaute nach M. Hoffmann


Natürlich wurde auf Barockgitarre, Laute, Theorbe und Arciliuto in Ensembles der Barockzeit nach beziffertem Bass (basso continuo) begleitet; es ist also legitim, die Gitarre in Kammermusik dieser Zeit einzusetzen. Aus Klassik und Romantik gibt es neben der umfangreichen Sololiteratur eine Menge Kammermusik mit Gitarre. Und natürlich gibt es viele Stücke für zwei oder mehr Gitarren aus verschiedenen Epochen.


Barocktheorbe nach Martin Hoffmann von R. Lechner


Leider sucht man bei den meisten „großen Komponisten“ vergeblich nach Originalwerken für unser Instrument. Beethoven und Mozart haben nun mal nicht für Gitarre komponiert; sicher auch, weil man ohne genaue Kenntnis der spieltechnischen Besonderheiten schlecht für das Instrument schreiben kann. So sind viele Werke des 20. Jahrhunderts in Zusammenarbeit mit namhaften Gitarristen wie Segovia, Bream oder Williams entstanden, deren Einrichtung für das Instrument oft erst für die Spielbarkeit sorgte.


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Durch die Geschichte der Bearbeitung von Stücken für Lauten, Vihuela oder Barockgitarre für die moderne Konzertgitarre zieht sich immer wieder die Frage nach der Genauigkeit der Übertragung. Dabei wurde diskutiert, ob ein Ton in einer Tabulatur als bis zum nächsten erklingenden Ton dauernd notiert werden soll, oder ob der Bearbeiter überlegen darf, wie lange die Note im harmonisch / melodischen Gefüge sinnvoll wäre, oder ob die Möglichkeit des Haltens von Tönen (und da braucht man dann wirkliches Wissen über Instrument und Spieltechnik, Möglichkeiten von Fingersatz etc.) auch noch berücksichtigt werden muss.
Aus heutiger Sicht sind die frühen Auseinandersetzungen über die Übertragung der Werke von Luys Milan schon irgendwie komisch, aber irgendwie musste die Entdeckungsreise ja anfangen...

Ein interessantes gegenwärtiges Beispiel ist die neue Ausgabe der D-Moll-Suite von Robert de Visée in der Universal Edition - die Diskussion geht immer weiter!

Courante

 
Eine Seite aus der Saizenay - Handschrift: die Courante aus der bekannten Suite in D-Moll von Robert de Visée in einer zeitgenössischen Bearbeitung für 11chörige Laute. Unten eine Übertragung in Gitarrennotation.

Courante in Noten

Diese Tabulaturseite ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Einmal sieht man, dass man diese Tabulatur nicht einfach so auf einer Gitarre spielen kann, obwohl sie für ein Manuskript sehr sauber geschrieben ist - die Spielsaiten sind nämlich auf f'-d'-a-f-d-A gestimmt. Diese etwas engere Lage der Intervalle zwischen den Saiten macht auf der Barocklaute Akkorde möglich, die in Gitarrenstimmung kaum zu realisieren sind. Ein harmloses Beispiel ist der Schlussakkord - heftigere Griffe bekommt man bei S. L. Weiss ständig geboten.
Einfach abspielen kann man nach Umstimmen der g-Saite auf fis diese Seite aus dem Capirola - Lautenbuch...

Karl Scheit, der große Gitarrenpädagoge und Herausgeber, hat die D-Moll Suite von de Visée 1944 in der Universal Edition (Nr. 11322) veröffentlicht. Er ist mit der Barockgitarrentabulatur insofern sehr frei umgegangen, als er den Tonumfang der modernen Gitarre reichlich ausgenutzt hat. Die Barockgitarre dürfte für diese Stücke bestenfalls ein tiefes d auf dem vierten Chor haben; der fünfte Chor, das a, wurde für Solostücke unisono hoch gestimmt. Scheit hat munter nach unten oktaviert und die 5. und 6. Saite der Konzertgitarre genutzt. Ausserdem hat der durchzustreichende Akkorde durch Einzelnoten ersetzt, ausgedünnt oder jedenfalls nicht als in Rasguado-Manier zu spielen gekennzeichnet.

In den siebziger Jahren befasste sich Scheit mit Ausgaben der Werke Ludovico Roncallis. Im Vorwort der 1977 bei U.E. publizierten Suite G-Dur gibt er als Originalstimmung der Barockgitarre bei Roncalli zwei hohe d und zwei hohe a auf den Chören 4 und 5 an, sodass die G-Saite der tiefste Ton des Instrumentes ist. Scheit nutzt denn auch in der Ausgabe selten Töne auf der 4. Saite (d) und kaum einmal das C auf der A-Saite und das G auf der tiefen E-Saite. Außerdem gibt er hier sogar bei Auftakten durchzustreichende Akkorde mit Fingersatz für die Anschlagshand.

Mittlerweile gibt es mit der Nummer UE 34480 eine Neuausgabe der D-Moll-Suite de Visées unter dem Serientitel "New Scheit Edition". Hier wird genauer nach den Quellen gearbeitet, der Umfang im Bass ist reduziert, die Rasguados werden übertragen, und die von Karl Scheit selbst für musikalisch zu schwach gehaltene Passacaille ist in den Zyklus aufgenommen.

Die Bearbeitung für elfchörige Laute oben ist nun für mich in sofern interessant, als die Barocklaute wie die moderne Gitarre einen viel größeren Tonumfang hat als die fünfchörige Gitarre (in welcher Besaitung auch immer). Und was macht der barocke Bearbeiter? Tiefe Bässe die Menge einfügen, die Akkorddichte etwas ausdünnen - im Prinzip etwas sehr ähnliches wie K. Scheit anno 1944. Eine hübsche Überraschung, und eine Quelle, die zusätzlichen Stoff zum Nachdenken gibt zur Frage "Lohnt es, Stücke für 5chörige Gitarre auf der modernen Konzertgitarre möglichst imitierend zu bearbeiten und zu spielen, läßt man ganz die Finger davon oder geht man unter der Prämisse "das ist ein völlig anderes Instrument" an die Sache heran...


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Dieser Abschnitt enthält mein Plädoyer dafür, Stücke zu spielen, die den "Test der Zeit" bestanden haben. Dowland war zu Zeiten Elisabeths I. europaweit bekannt, und zu Zeiten Elisabeths II. ist er es immer noch. Die Beatles erreichten eine gewisse Bekanntheit während der Regentschaft Elisabeths II., und ich wage die Prognose, dass man sie in 300 Jahren immer noch kennen wird. Das wird nicht auf jeden Song zutreffen, zu dem es auf youtube ein "guitar lesson" - Video gibt.

Wenn man Gitarre spielen lernt und dabei Noten benutzt, geht man meist den Weg über eine Gitarrenschule und unterschiedliche Unterrichtsliteratur hin zu "richtiger" Literatur. Zu den pädagogischen Heften habe ich als Lehrer immer eine spezielle Beziehung; manche Sachen finde ich vorwiegend gut, zu anderen gibt es eine Hassliebe. Fast in jedem Büchlein gibt es Stücke, die "nicht gut funktionieren". Deutlich schwieriger als die anderen, von merkwürdigem Humor - vielleicht kann der Mensch, der das Buch verfasst hat damit guten Unterricht machen...

Alle Gitarrenschüler möchten gerne aktuelle Hits spielen! Das ist ein Problem! Komponisten von Hits haben beim Schreiben nicht die riesige Gemeinde von Instrumentalschülern im Kopf, sondern die noch größere von potentiellen Musikhörern und Käufern! Also nehmen sie auf bestimmte Dinge keine Rücksicht:

- einfache Lieder kommen mit wenigen Begleitharmonien aus, was bedeutet, dass man sie in bestimmten Tonarten (D-Dur, A-Dur) klangvoll zweistimmig mit leeren Bässen setzen kann. Leere Basssaiten haben wir drei - sobald mehr Harmonien drin sind, braucht man gegriffene Bässe, und damit ist das Stück für Anfänger tabu!
- viele Hits sind umfangreich, haben diverse Wiederholungen, Strophe, Refrain, Bridge - die vier bis fünf Minuten langen Stücke von Robbie Williams sind auch nichts für Anfänger.
- Gesangsstücke haben nicht nur bei Bach rezitativische Elemente: In Rap, Hip-Hop und Verwandtem wird ja der Sprechgesang gepflegt, und so etwas möchte man ja nicht wirklich auf einem Instrument üben. Aber auch viele "normale" Songs sind melodisch oft erstaunlich eintönig und eher rhythmisch geprägt. Wenn man den Rhythmus konsequent vereinfacht, kommt oft eine Melodie auf Kinderlied-Niveau heraus. Das springt einen manchmal an, wenn man bei einer Casting-Show einen nicht so gesangsstarken Kandidaten hört: "Mensch, die Strophe besteht ja fast nur aus drei Tönen! Ist mir bei Rihanna nie aufgefallen...". Solche Stücke will im Ernst niemand auf einem Instrument üben - das ist mühsam und langweilig!
- Schließlich: Hits von noch lebenden Künstlern / Autoren sind deshalb nicht in Gitarrenschulen und Anfängerheften zu finden, weil die Urheber Rechte haben, und man für große Einfälle Geld bekommt. Wenn McCartney im Radio läuft, erhält er dafür Dollars - Beethoven nicht mal mehr Taler! Bach hebt das Niveau der Gitarrenschule, aber nicht den Preis.

Also sind die Hefte, mit denen sich der strebsame Gitarrist auf den Weg macht, voll mit Volksliedern, Folksongs, Spirituals, "Freude, schöner Götterfunken" und Stücken, die der Verfasser "im Stile von" geschrieben hat. Und dabei sind richtig tolle Sachen, die den Eleven wirklich vom Fleck bringen! Es gibt viel gute Unterrichtsliteratur, die dazu führt, dass der Mensch, der sie durcharbeitet unversehens Gitarre spielen lernt.

Als Lehrer habe ich eine Reihe Leib- und Magenhefte, die ich für besonders nahrhaft halte und deshalb gerne benutze. Daneben gibt es für mich aber noch Hefte, die mir aus einem weiteren Grund besonders am Herzen liegen:

Lieblingshefte


Amerikaner sind sehr traditionsbewußt, weil sie keine lange Tradition haben. Das älteste erhaltene Backsteinhaus der USA scheint von 1636 zu datieren - was soll ein Amerikaner also angesichts der Mosaiken von Ravenna, des Kolloseums in Rom oder der Tempel auf der Akropolis schon denken (die Indianer haben natürlich alte, aber anders geartete Traditionen)?

Also etikettieren amerikanische Firmen Instrumente wie E-Gitarren oder Westerngitarren gerne mit den Worten "vintage" oder "heritage". "Weinlese, altmodisch, eines bestimmten Jahrgangs, klassisch" heißt das eine, "Erbe, Erbschaft, erhaltenswert" bedeutet das andere, also: Verbindung zur Tradition ist Trumpf! Haltet die Überlieferungen in Ehren! Grundlagen aus der Vergangenheit sind cool!
So denken Leute, die Instrumente vermarkten wollen, auch und gerade, wenn es eine Neuentwicklung mit raffinierten Schaltungen, sieben Saiten und was nicht alles ist - es ist gut, weil es auf der Tradition fußt!

Musiker aktueller populärer Stile (die Etiketten wechseln ja ständig) bekennen sich in Interviews auch erstaunlich oft zu den Wurzeln der Rockmusik: Blues, Gospel, Spirituals. Wenn man das Intro von "Under the bridge" gehört hat weiß man: der Gitarrist der Peppers hat den Hendrix genau durchgehört...

Die Konzertgitarre hat auch eine lange Tradition. Ich werde hier jetzt nicht die Ode auf die byzantinische Spatenlaute oder das Crwth singen, die Musik aus Renaissance, Barock, Klassik und Romantik für Gitarren- und Lauteninstrumente reicht aus! Einige Hefte mit Stücksammlungen aus diesen Bereichen möchte ich hier aufzählen, weil sie für mich eine Möglichkeit darstellen, sich in die Tradition unserer Spieltechniken, Stückstrukturen und instrumentenspezifisch kompositorischen Finessen einzufühlen. Abgesehen davon gibt es so viel schöne Musik zu entdecken!

Ich setze diese Hefte sehr gerne im Unterricht ein, obwohl "schlecht funktionierende" Stücke auch hier vorkommen. Wenn Schüler sich darauf einlassen, haben sie hinterher womöglich mehr Ahnung, mehr Hintergrundwissen, mehr Stilgefühl und etwas Bildung vermittelt bekommen, was heutzutage ja nicht mehr gang und gäbe ist.
Solche Sammlungen gibt es natürlich aus vielen Verlagen und von vielen Herausgebern. Insofern sind die Hefte, die ich hier nenne nur als Beispiele zu verstehen.

Eine Kritik muss ich hier allerdings noch loswerden: Die Zahl der Hefte und Sammlungen, die im Titel das Adjektiv "leicht" führen ist Legion! "Leichte Stücke aus Italien", "Meine ersten Meister des Barock", "Easy Pieces from..." und so weiter: es ist einfach unglaublich, wie leicht alles ist! Jahrelang sind die Leute am Üben, und dann müssen sie wieder und wieder Noten akzeptieren, die "leicht" sein sollen... Also wirklich!
Meistens stimmt das schlicht nicht. In vielen Heften finden sich vorne einige einfachere Stücke, und dann steigt der Schwierigkeitsgrad mal sanft, mal steiler an. Die letzten Stücke sind nachweislich (dafür kann man Kriterien finden) nicht mehr einfach. Das Ganze ist ein Verkaufstrick, sonst nichts.

Renaissance


Musik der Renaissance kommt fast aus einer anderen Welt. Die Tänze sind noch am besten verdaulich, Tanz und Nachtanz oder Allemande und Galliarde sind die Keimzelle der barocken Suite. Die kontrapunktischen Stücke wie Fantasie und Ricercar sind oft schwer zu verstehen und viele einfache Werke dieser Art gibt es nicht. Richtig cool sind die Variationen über Tenores wie Follia oder Passemezzo - daran kann man improvisieren üben wie heutzutage über einen Blues, und das haben die Musiker in der Renaissance auch getan.

Von Heinz Teuchert gibt es eine Serie mit dem unvermeidlichen Titel "Meine ersten Gitarrenstücke". Das Heft 3 heißt "Meister der Renaissance" und enthält sehr schöne Stücke unterschiedlichen Charakters. Die letzten vier sind so viel schwieriger, dass ich sie erst nach einer längeren Pause durchnehme - siehe die Kritik oben.
Karl Scheits "Leichte Stücke aus Shakespeares Zeit" durfte ich selbst als Schüler durcharbeiten und halte es immer noch für sehr gut.
In Scheits "Die leichtesten Solostücke berühmter Lauten- und Gitarrenmeister" finden sich im ersten Teil Stücke der Renaissance; die zweite Hälfte ist der Klassik gewidmet.

Fortgeschrittenen Schülern stelle ich irgendwann immer ein Heft von Emilio Pujol namens "Hispanae Citharae Ars Viva" vor, das einige sehr schöne und sehr schwierige Stücke enthält, die man absolut kennen darf.
Wer diese Musik mag, sollte nach Komponisten wie Luys Milan, Francesco da Milano und Thomas Robinson forschen. El Maestro, das einzige Werk von Milan, erscheint 1536 als erste Publikation für Vihuela und hat ein erstaunliches Niveau. Es enthält schlicht keine leichten Stücke. Die frühe deutsche Musik ist eher etwas für Hartgesottene; gleiches gilt für polnische Renaissancestücke.

Barock


Die musikalische Sprache des Barock ist uns schon vertrauter. Sie ist von der Technik des Generalbasses geprägt. Die Gleichberechtigung der Stimmen der polyphonen Werke der Renaissance wird aufgegeben zugunsten einer neuen Struktur: die Oberstimme führt, die Basslinie ist der Kontrapunkt, die Begleitung wird nach dem bezifferten Bass improvisiert. Das ist vom Konzept her so ähnlich wie eine Rockband; die harmonische Sprache ist natürlich eine andere.

Mein Lieblings - Einführungsheft ist wieder vom Herausgeber Teuchert, "Meister des Barock".
Karl Scheit hat eine ganze Reihe von Komponisten und anonymen Sammlungen herausgegeben, "Leichte vergnügliche Originalstücke aus dem 18. Jahrhundert" (was für ein Titel!) enhält schöne, einfache Stücke, die Suiten von Logy sind schon ganz schön anstrengend, und bei de Visée braucht man ordentlich Biss.

Überhaupt hat man mit gezupfter Barockmusik ja ein ständiges Problem: die Gitarre der Zeit unterschreitet den Umfang der heutigen Gitarre erheblich, und die Lauten haben viel mehr Umfang im Bass. Abgesehen davon, dass Doppelsaiten und geringere Saitenspannung einen anderen Klang erzeugen, muss man sehr viel an Tönen bearbeiten. Große Teile der Literatur für barocke Lauteninstrumente sind dadurch auch noch gar nicht großartig berücksichtigt worden. Italienische Musik für Arciliuto oder Stücke für Chitarrone sieht man selten in Bearbeitungen, Gleiches gilt für französische Lautenmusik.
Von Sylvius Leopold Weiss gibt es einige Einzelsätze und ganze Suiten, die aber definitiv für Fortgeschrittene sind. Die Lautenwerke des Herrn Bach sind ja ein ganz anderes Problem...
Eine lohnenswerte Entdeckung sind die Partiten für Colascione von Brescianello, die Ruggero Chiesa publiziert hat. Wenn man positive Klischees zu italienischer Musik bestätigt haben möchte: bitte sehr, hier!

Klassik


Die Klassik ist eine besondere Epoche für uns Gitarristen: die Gitarre erhält ihre heutige Bauform (im Prinzip) und Stimmung, die Stücke kann man eins zu eins spielen. Und die Gitarre erobert den Salon - deshalb gibt es viel Meterware, also Musik, die qualitativ einige Etagen unter der der Säulenheiligen Haydn, Mozart und Beethoven rangiert. Es gilt, die Perlen zu entdecken, und viele Stücke werden zu guter Musik dadurch, dass sie jemand wirklich gut spielt!

Die Klassik ist auch die Zeit der Zerlegungen und der Etüden! Akkordisch aufgebaute Stücke, die durch immer neue Anschlagsmuster virtuos wirken und "typisch gitarristisch" sind, Stücke, bei denen sich hinter dem Titel "Übungsstück" wunderbare Musik verbirgt!
Von etlichen Komponisten gibt es Hefte mit 12 oder 24 Etüden pro Opuszahl, die man sicher nicht alle gespielt haben muss...
Und Werke für zwei Gitarren haben die Komponisten auch fleißig komponiert, darunter Material für Anfänger und richtig schwierige Sachen.

Im "Gitarren-Archiv" des Schott Verlages sind viele Werke der Klassik und Romantik erschienen. Mein Einstiegs-Favorit ist "Carulli-Brevier Band 1" in der Kreidler-Ausgabe. Das Heft ist nicht so dünn wie manches andere, und wenn einem ein Stück nicht so gefällt, hat man es immerhin als Blattspielmaterial mit dabei. Beginnt einfach und endet mit den flotten Rondos, die in vielen Sammlungen zu finden sind, wobei Kreidler den Notentext nicht so fröhlich kürzt oder ändert.
Jeder fortgeschrittene Schüler wird bei mir irgendwann mit "Matteo Carcassi, 25 Etüden Opus 60" in der Teuchert-Ausgabe konfrontiert. (Was nicht heißt, dass alle das spielen wollen...) Das ist das Heft, das groß und stark (und schön und schlau) macht! Wenn auch einige der Stücke vorwiegend Fleißarbeit zur sicheren Griffbrettkenntnis zu sein scheinen, so werden doch viele sehr grundlegende Techniken behandelt, die man meiner Ansicht nach studiert haben sollte, bevor man sich Tárrega, Turina, oder Villa-Lobos nähert. Diese Funktion hat bei anderen Lehrern vielleicht Sor, Opus 35 oder was immer, aber jeder Gitarrenschüler sollte sich irgendwann mit so einem Paket Schwarzbrot auseinander setzen!

Ein Tipp für Vielspieler: Unter dem Serientitel "Klassiker der Gitarre" gibt es bei "Deutscher Verlag für Musik, Leipzig" mehrere dicke Bücher, die endlos Material aus Klassik und Romantik enthalten. Banales neben guten Sachen, kleine Etüden neben 20 minütigen, schwierigen und guten Sonaten von Carulli; die Bände sind nach Schwierigkeit geordnet, die Ausgaben sehr glaubwürdig und der Preis nicht so hoch (Je dicker das Buch, desto niedriger der Preis pro Seite.).

Romantik


In der Romantik sinkt die Popularität der Gitarre wieder etwas: die Stücke von Coste, Mertz, Marschner und Kollegen sind nicht mehr so bekannt wie die der Virtuosen der Generation davor, die vielfach im Laufe ihres Lebens von Madrid über Neapel, Wien, Moskau und Petersburg nach Paris tourten (mit Pferdestärken). Cano, Damas, Ferrer und Arcas sind spanische Namen, die man kaum präsent hat, und schon kommt die Schlußfolgerung: wir spielen alle zu wenig Tárrega!

Von Wolf Moser gibt es ein Heft namens "Leichte Gitarrenstücke aus Spanien", das ich gerne einsetze, aber... "leicht" ist auch hier untertrieben.
Von Francisco Tárrega gibt es bei Chanterelle Faksimile - Ausgaben, die Originale und Bearbeitungen enthalten, darunter langsame Sätze aus Beethoven-Klaviersonaten oder Fragmente aus Wagner-Opern. Schwere Kost! Der Verlag Berbén hat ein Heft mit "23 composizioni originali" herausgebracht, das ich sehr schön finde. Das technische Niveau ist hoch, aber das Bemühen um Tárrega lohnt allemal! Allein wie er das Lagenspiel aus klanglichen Gründen einsetzt ist bewußtseinserweiternd...

Für die Postromantik, die Folklore beeinflussten Stücke südamerikanischer Komponisten und die Moderne folgen hier keine Heft - Tipps, weil es ja um die Wurzeln, um die heritage gehen sollte.

All dies außer Acht lassend setze man sich jetzt wieder vor ein Video - Portal und lerne nach "How to play..." - Clips aktuelle Charthits spielen. So kommt es, dass im normalen Musikschulvorspiel die Klavierschüler vor allem "Amélie" und "Yiruma" spielen. Wenn alle paar Jahre mal eine Bach-Invention auf dem Programm steht, freuen sich Leute wie ich, weil "echte" Literatur gespielt wird - obwohl JSB seine Inventionen in gewisser Weise als Unterrichtsmaterial konzipiert hatte.


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