Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Halbtonschritte und Größe

Oben habe ich als Beispiel aufgeführt, dass es sehr verschiedene Quinten gibt. Um ein Intervall richtig benennen zu können, muss man zu jedem noch seine genaue Größe in Halbtonschritten kennen. Um sie zu ermitteln, muss man die Halbtonschritte abzählen, die zwischen den Tönen liegen.

Wie man dies richtig macht wird hier also besprochen, nachdem erklärt wurde, wie man die Intervallnamen abzählt, aber bevor die Intervallarten "rein, groß, klein, vermindert und übermäßig" vorgestellt werden.
Diese Abfolge ist vielleicht nicht gut, aber ich finde die Technik zu beherrschen zunächst wichtiger, als alle Arten von Intervallen zu kennen, die in freier Wildbahn vorkommen.

Regel für die Halbtonschritte

Beim Berechnen der genauen Größe zählt man die Halbtonschritte zwischen den Tönen.
Hierbei zählt man den ersten Ton nicht mit, weil man Schritte zählt!
Beispiel 1:

c - g: Zähle
von c nach cis (1), nach d (2), nach dis (3), nach e (4), nach f (5), nach fis (6), nach g (7).
Die Quinte c - g hat also sieben Halbtonschritte.

Von C nach G in Halbtonschritten
Beispiel 2:

c - gis: Zähle
von c nach cis (1), nach d (2), nach dis (3), nach e (4), nach f (5), nach fis (6), nach g (7), nach gis (8).
Die Quinte c - gis umfasst acht Halbtonschritte, ist also größer und wird auch nicht einfach nur "Quinte" heißen.

Von C nach Gis in Halbtonschritten

Regel für Namen und Halbtonschritte zusammengefasst

Es ist wichtig, dieses Konzept der Interrvalllehre zu verstehen und akzeptieren:

Wenn man nach dem Namen eines Intervalls sucht, zählt man den Ausgangspunkt mit, denn es gibt ja die Prime.

Wenn man die genaue Größe eines Intervalls sucht, zählt man den Ausgangspunkt nicht mit, denn man muss für den Schritt, der den Wert "eins" hat, den Ausgangspunkt verlassen!

Eine Prime hat den Abstand null Halbtonschritte, weil man eben nirgendwo hin schreitet. Ein Kind ist erst ein Jahr alt, wenn es den Tag des ersten Geburtstags erreicht hat. Ein 10-Kilometerlauf ist erst zuende, wenn man den zehnten Kilometerstein passiert hat.

Zwei Rechnungen gleichzeitig

Wenn man ein Intervall ausrechnet oder bildet, führt man also eigentlich immer zwei Rechnungen durch: man fragt sich zuerst: "Wie heißt überhaupt die Sexte über Ton X?", und danach "Wie heißt die übermäßige Sexte?". oder
"Was ist c-ais für ein Intervall?" Antwort: "Irgend eine Sexte." Zweite Frage: "Wie groß ist die Sexte genau in Halbtonschritten?"

Fehler vermeiden

Man darf nie den Fehler machen, Töne einfach "umzutaufen"! Wer das Intervall c-ais (eine übermäßige Sexte!) untersuchen soll, und als erstes sagt "Das ist ja dasselbe wie c-b, also eine Septe", macht einen Fehler. Die Intervalle c-ais und c-b sind NICHT dasselbe!

Mir fällt kein Beispiel ein, mit dem man diesen Fehler vergleichend darstellen könnte, Musik ist ja schließlich eine besondere Kunst. Tatsache ist: man hört zwei Töne, die eine physikalische Frequenz haben, und sagt: "Ich höre zwei Töne".
Da aber davor oder danach andere Töne erklingen, stellt man einen Zusammenhang her und interpretiert ihn. Mal hört man dann c-ais, ein anderes Mal c-b, weil das Intervall sich in eine bestimmte Richtung auflöst. Wenn es sich nicht um absolut atonale Musik handelt, kann man immer ein "richtiges Ergebnis" hören, und wenn man die Töne nicht nur hört, sondern die Noten sieht, gibt es sowieso nur eine Lösung, denn c-ais ist eine Sexte, Ende der Diskussion!

Umgedeutete Intervalle

Manchmal wird ein Intervall vom Komponisten umgedeutet, das heißt er schreibt zunächst c-b, ändert dann den harmonischen Kontext und nennt den oberen Ton ais. Das passiert in Modulationen, ändert aber gar nichts an dem bisher gesagten, denn erst hieß das Intervall c-b und war eine Septime, dann heißt es im neuen Zusammenhang c-ais, ist eine Sexte und leitet etwas Neues ein.
Die Sexte und die Septime sind aber immer noch nicht dasselbe!

Fehler in Noten

Es kann natürlich passieren, dass ein Komponist und/oder ein Herausgeber von Noten Fehler (oder Flüchtigkeitsfehler) macht, oder sagen wir vorsichtiger: etwas schreibt, worüber man anderer Meinung sein könnte.
Wer den Akkord Fis7, also fis-ais-cis-e mit der großen Terz ais schreibt, das ais aber als b notiert, weil er meint, diese Note sei geläufiger und deshalb entspannter zu lesen, ärgert Menschen, die den Dominantseptakkord als solchen erkennen und wissen, dass er ein ais enthält, und kein b.
Rechtschreibfehler werden halt von Menschen bemerkt, die richtig schreiben können, und Intervalle sind echt schwierig!