Ulrich Meyer, Gitarre


Umkehrungen von Dreiklängen << Seite

Der letzte Dreiklang der Analyseaufgabe auf der vorigen Seite ist offenbar eine Mogelpackung: Er hat nicht die übliche Terzenstruktur! Von fis nach a ist eine kleine Terz, aber von a nach d sind es vier Tonschritte - was nun?

Dreiklänge kann man wie Intervalle und Septakkorde umkehren. Dabei wird der tiefste Ton nach oben oktaviert, sodass ein anderer Ton zum Basston wird. Genauso kann der höchste Ton nach unten oktaviert sein. Wenn der Ton in der Mitte nach oben versetzt wird entsteht ein Dreiklang in weiter Lage.

Oktavieren im Dreiklang

Im Beispiel oben sieht man vier Möglichkeiten: In Takt 1 wird der Basston nach oben oktaviert. Aus dem C-Dur-Dreiklang in Grundstellung wird ein Sextakkord.

In Takt 2 ist das g der Oberstimme eine Oktave nach unten versetzt; dadurch entsteht ein Quartsextakkord. Ich hätte auch das c und das e nach oben oktavieren können!

Takt 3 sieht spektakulär aus, aber der Akkord bleibt in Grundstellung. Durch das Oktavieren der Terz e in der Mitte entsteht lediglich ein Dreiklang in weiter Lage - aber in Grundstellung.

Im letzten Takt 4 habe ich den Sextakkord aus Takt 1 genommen, ebenfalls den mittleren Ton nach oben versetzt, und erhalte so einen Sextakakkord in weiter Lage.

Erklärung der Begriffe:


Was überhaupt ein Dreiklang ist, habe ich versucht, weiter oben zu beschreiben.

Basston: Offensichtlich hat ein Dreiklang einen tiefsten Ton, den Basston, einen Ton in der Mitte und einen höchsten Ton. Diese beiden Töne über dem Basston könnte man mit Stimmenbezeichnungen (Tenor, Diskant) bezeichnen - lassen wir es hier mal bei den Worten "mittlerer" und "oberster". Der tiefste Ton heißt aber Basston, und er ist entscheidend für die Analyse der Umkehrung.

Der Basston ist nicht dasselbe wie der Grundton des Dreiklanges! Aber der Grundton kann natürlich im Bass liegen!

Grundstellung: Liegen über dem Basston ein Ton im Terzabstand und eine Quinte befindet sich der Dreiklang in Grundstellung. Ob die Terz klein oder groß ist, die Quinte rein, übermäßig oder vermindert spielt keine Rolle: die Bezeichnung "Grundstellung" ist lediglich eine Aussage über die Stellung der Töne.
Bezeichnet wird ein Akkord in Grundstellung mit gar nichts. Terzen sind in Dreiklängen normal, Quinten auch (sie werden erst erwähnt, wenn z.B. eine Sexte dazu kommt), also steht unter einer Grundstellung einfach nichts.
In weiter Lage liegen in Grundstellung eine Quinte und eine Dezime (Terz über eine Oktave) über dem Basston.

Sextakkord: Bei einem Sextakkord schreibt man eine 6 unter den Dreiklang. Über dem Basston gibt es ja eine Terz, die nicht erwähnt wird, weil Terzen normal sind. Und dann gibt es über dem Basston eine Sexte, die natürlich erwähnt werden muss, weil eine Quinte der Normalfall wäre!

Es geht um die Sexte über dem Basston, keinesfalls beschreibt man die Quarte über der Terz! Über die Verwirrung stiftende Taktik, Dreiklänge als Stapel von Tönen zu beschreiben, kann man mehr lesen, wenn man auf "Stapel" klickt.
Man beschreibt Dreiklänge grundsätzlich vom tiefsten Ton aus, und die Bezeichnung jedes seiner Töne bezieht sich auf den tiefsten Ton! Würde man den Sextakkord irgendwie als "Quartakkord" bezeichnen wollen, weil er eine Quarte über der Terz enthält, müsste man als nächstes nachschieben, was das für eine Terz ist, und bei Septakkorden käme man vollends in Teufels Küche!

Quartsextakkord: Die zweite Umkehrung (Takt 2) heißt Quartsextakkord und wird mit den Ziffern 4 und 6 unter den Noten bezeichnet. Über dem Basston kommt zunächst eine Quarte statt einer Terz, sie muss also angezeigt werden, und dann steht über dem Basston (!) eine Sexte, die ebenfalls deklarationsplichtig ist, da eine Quinte ja der Normalfall wäre.

Lage: Der Begriff "enge oder weite Lage" betrifft die Frage des Abstandes zwischen den Akkordtönen. Mit enger Lage meint man, dass die Töne eines Akkordes so geschichtet sind, dass kein weiterer Akkordton dazwischen passt. "Weite Lage" hingegen bedeutet, dass man zwischen die Töne des Akkordes noch einen der Akkordtöne packen könnte. In Takt 3 oben könnte ja zwischen dem eingestrichenen c und dem g' noch ein e' gesetzt werden, und zwischen g' und e'' passt theoretisch noch ein c''. Man hätte dann einige Töne verdoppelt, also zweimal c und e in dem Akkord, aber eben enge Lage statt weiter Lage.


Für Dur- und Mollakorde gilt (für verminderte Dreiklänge nicht, weil sie keinen Grundton haben):

Grundstellung: der Grundton ist im Bass.
Sextakkord: die Terz liegt im Bass.
Quartsextakkord: die Quinte liegt im Bass.



Links sieht man die drei Stellungen des C-Dur-Dreiklanges nochmal live und in Farbe: Die Grundstellung, den Sextakkord, den Quartsextakkord und die Wie- derholung der Grundstellung eine Oktave höher. Für dieses Bild habe ich die Akkordtöne in enger Lage systematisch umgeschichtet.
Der Grundton ist immer schwarz, die Terz rot, und die Quinte blau.

Wenn du über diese Darstellung mit der Farbspielerei etwas nachgrübelst, geht dir vielleicht auf, dass es sehr sinnvoll ist, bei einer Akkordumkehrung nicht nur darüber nachzudenken, ob ein Sextakkord vorliegt, sondern welcher Akkord überhaupt vorliegt und welcher Dreiklangston jeder der Töne ist.
Du schaust den zweiten Akkord an und denkst zunächst mal (wie bei dem Beispiel des letzten Akkordes der oben schon zitierten Analyseaufgabe): Ein Dreiklang, aber er hat keine Terzenstruktur! Sowas! Kehren wir ihn mal um, bis er in Terzen da steht... wenn ich das e nach oben oktaviere klappt es nicht, also packe ich das c nach unten - siehe da: c - e - g! Unten ist eine große Terz, die Quinte ist rein - das ist ein C-Dur-Dreiklang!
Mit zunehmender Erfahrung wirst du lernen, beim Sextakkord auch ohne "zurechtlegen" zu sehen, welchen Dreiklang du vor dir hast. Das obere Intervall (wieder beim Sextakkord) ist ja eine reine Quarte, die beim Umkehren zur reinen Quinte wird. Der oberste Ton muss also der Grundton, der in der Mitte die Quinte, und der Basston die (große) Terz sein. Überraschung: diese drei wohlbekannten Töne bilden den C-Dur-Dreiklang als Sextakkord!


Umkehrungen des verminderten Dreiklanges

Hier siehst du links die drei Umkehrungen des verminderten Dreiklanges, der bereits bei den Funktionsbezeichnungen vorgestellt wurde und der Ausgangspunkt des nächsten Abschnittes sein wird.
Die Quinte des Dreiklanges ist vermindert (als Quarte bei den Umkehrungen Sextakkord und Quartsextakkord übermässig) - trotzdem kann man ihn natürlich umkehren und analysieren.

So wie es einen verminderten Dreiklang gibt, gibt es auch einen übermäßigen Dreiklang: er besteht aus einer großen Terz und einer übermäßigen Quinte, z.B. c - e - gis. Er entsteht in der harmonischen Molltonleiter als Dreiklang der 3. Stufe.

Nachdem du jetzt weißt, wie die Umkehrungen eines Dreiklanges entstehen, wären vielleicht ein paar Übungen für das Erkennen von Umkehrungen in freier Wildbahn nicht schlecht...


Übung 7: Schreibe die folgenden Dreiklänge und Umkehrungen, jede Zeile ist ein Takt. Schreibe die letzten vier Dreiklänge in weiter Lage: Zur Lösung:

1) D in Grundstellung
2) f als Quartsextakkord
3) h in Grundstellung
4) As weite Lage als Sextakkord

gis als Quartsextakkord
Cis in Grundstellung
a verm. als Sextakkord
a weite Lage als Sextakkord

C als Sextakkord
H als Sextakkord
e als Quartsextakkord
es weite Lage als Quartsextakkord

des in Grundstellung
Ces als Quartsextakkord
B als Sextakkord
Fis weite Lage in Grundstellung

Übung 8: Bezeichne die folgenden Dreiklänge und ihre Umkehrungen. Bei Grundstellung steht einfach nichts außer einem Akkordbuchstaben unter den Noten! Zur Lösung:

Dreiklänge und Umkehrungen beziffern


Falls du der Meinung bist, hier nicht genug Material zum Üben zu finden - korrekt beobachtet! Aber die Musik ist voll von Sextakkorden! Die Dinger kommen nicht nur in Musikklausuren vor, sondern auch in dem Stück, das du gerade übst!
Zum Beispiel beginnt die 11. Fantasie für Flöte solo von Telemann mit Akordzerlegungen: B-Dur in Grundstellung, Es als Quartsextakkord, wieder B in Grundstellung, erst in enger, dann in weiter, dann wieder in enger Lage, und wieder Es Quartsextakkord spielt man in den ersten zwei Takten...


Umkehrungen von Septakkorden Home Musiklehre Stichworte oben

Natürlich kann man nicht nur Dreiklänge und Intervalle , sondern auch Vierklänge umkehren.

Das Notenbeispiel unten beginnt mit einem Dreiklang, der oben im Kapitel Funktionsbezeichnungen schon erschien: er steht auf der 7. Stufe einer Durtonleiter und hat eine Quinte, die um einen Halbton zu klein ist. Wegen dieser "verminderten Quinte" heißt er denn auch "verminderter Dreiklang" - nur, was machen wir mit ihm?
Erst Mal stellen wir fest, dass er weder ein Dur- noch ein Molldreiklang ist. Und dann findet unser Ohr, dass er keinen Grundton hat. Dieser wird "nachkonstruiert", indem man den Dreiklang in Terzenschichtung bringt und die reine Quinte unter dem mittleren Ton hinzufügt. Hier ist er als Note mit x im Kopf und Hals nach unten dargestellt.

Umkehrungen des verminderten Dreiklanges und des D7

Im zweiten Takt ist der verminderte Dreiklang mit der dazu konstruierten Quinte unter dem mittleren Ton, dem g, ein vollständiger "Dominantseptakkord" auf g geworden. Ein Vierklang, der zu Grundton, Terz und Quinte noch mit einer kleinen Septime ausgestattet wurde. Dieser Vierklang kommt genau so in der Obertonreihe vor, deshalb sind unser Ohr und unser Gehirn auch so zufrieden, wenn wir den Grundton so "konstruieren".

Auch Septakkorde kann man umkehren. Bei den Umkehrungen wird immer die Stelle näher bezeichnet, bei der zwei Töne eine Sekunde auseinander liegen. Diese Sekunddissonanz entsteht zwischen Septime und Grundton.

Zunächst siehst du oben in Takt 2 die Grundstellung, die Septakkord heißt.
Der Quintsextakkord beginnt mit einer Terz, die nicht erwähnt wird, dann folgen Quinte und Sexte, die eine Sekunde auseinander liegen.
Der Terzquartakkord beginnt ebenfalls mit einer Terz, die aber diesmal genannt wird, weil die Quarte darüber mit ihr zusammen die Sekunddissonanz ergibt. Die Sexte oben wird nicht extra erwähnt.
Schließlich der Sekundakkord. Er müsste vollständig "Sekundquartsextakkord" heißen, wird aber selten bis nie so genannt. Auch die "Bezifferung" weist höchstens mal 2 und 4 auf. Am Ende der Zeile steht noch die Oktavierung der Grundstellung um das systematische "Umschichten" des Vierklanges abzuschließen.

Für Septakkorde gilt: (der verminderte Septakkord hat wieder keinen Grundton unter seinen Mitarbeitern...)

Grundstellung: der Grundton ist im Bass.
Quintsextakkord: die Terz liegt im Bass.
Terzquartakkord: die Quinte liegt im Bass.
Sekundakkord: die Septime ist im Bass.


Weiter unten versuche ich zu beschreiben, wie ein Dominantseptakkord korrekt aufzulösen ist. Die Beschreibung dort wird natürlich bei Umkehrungen des D7 ausgehebelt.

In der Funktionslehre drückt man die Umkehrungen der Drei- oder Vierklänge aus, indem man den Basston unterhalb des Akkordbuchstabens schreibt. Da beim Sextakkord die Terz des Dreiklanges im Bass liegt, schreibt man den Funktionsbuchstaben mit einer 3 darunter. Und man sagt in der Funktionslehre "Tonika mit Terz im Bass", nicht "Tonika als Sextakkord".
Veränderungen der Dreiklangsstruktur, etwa das Hinzufügen der Septime im D7 werden mit einer Ziffer neben dem Funktionsbuchstaben gegennzeichnet, ebenso die Quartsextvorhalte in der Übung "Schreiben und spielen" weiter unten. Ziffern über dem Funktionsbuchstaben beschreiben die Oberstimme bei Bedarf, wenn zum Beispiel zwar die Terz im Bass steht, aber die Quinte der höchste Ton ist.

Unten siehst du die Notenbeispiele aus diesem und dem vorigen Abschnitt noch einmal in einer Zeile mit Funktionsbezeichnungen. Dabei bezeichne ich den C-Dur-Dreiklang im ersten Takt als Tonika, die folgenden G7-Dreiklänge mit und ohne Grundton als Dominante:

Umkehrungen mit Funktionsbezeichnungen

Die gegebenen Beispiele sind natürlich nur ein Einstieg in die Benutzung des Handwerkszeuges. Ob der Vierklang f - a - c - d in C-Dur als Sp7 mit Terzbass, oder als Subdominante mit hinzugefügter Sexte (sixte ajoutée) in Grundstellung zu lesen ist, erschliesst sich aus dem Zusammenhang und ist Interpretationssache. Je mehr man sich mit Umkehrungen beschäftigt, desto vertrauter werden sie. Erstmal ist schon etwas erreicht, wenn du nicht nur b - d - f, sondern auch f - b - d als B-Dur - Akkord erkennst...

Übung 9: Schreibe folgende Drei- und Vierklänge und die gefragten Umkehrungen. Für die Vierklänge gilt: C 7 = c-e-g-b; c 7 = c-es-g-b. Weitere Septakkorde wie Dur mit großer Septime, verminderter Septakkord oder halbverminderter Septakkord etc. sind nicht gefragt. Um das Prinzip der Akkordumkehrungen zu verstehen, reichen der Dominantseptakkord und der Mollakkord mit kleiner Septime aus. Jede Zeile ist ein Takt. Zur Lösung:

C als Sextakkord
g als Quartsextakkord
Dis in Grundstellung
A 7 in Grundstellung

Es 7 als Quintsextakkord
cis 7 als Sekundakkord
f vermindert als Quartsextakkord
gis vermindert als Sextakkord

h als Quartsextakkord
es als Sextakkord
B als Quartsextakkord
E 7 als Quintsextakkord

fis 7 als Sekundakkord
As 7 in Grundstellung
cis vermindert als Sextakkord
As übermäßig als Sextakkord

Fis als Quartsextakkord
H in Grundstellung
G als Sextakkord
a 7 als Terzquartakkord

H 7 als Terzquartakkord
f 7 als Quintsextakkord
G übermäßig in Grundstellung
b vermindert in Grundstellung

Des als Sextakkord
f als Quartsextakkord
c als Quartsextakkord
g 7 als Sekundakkord

d 7 als Quintsextakkord
Des 7 als Terzquartakkord
Es übermäßig als Quartsextakkord
D übermäßig als Quartsextakkord


Übung zur Funktionsanalyse Home Musiklehre Stichworte oben

Übung 10: Ergänze unter den folgenden Zeilen Funktionsbezeichnungen und Dreiklangsbuchstaben. Am Zeilenanfang ist durch die Vorzeichen klargestellt: Zeile 1 steht in C-Dur, Zeile 2 in H-Moll, Zeile 3 in Es-Dur.
In Zeile 1 kann man den Schluss als Zwischendominant - Kette (Mit Klammer und Bezugsbogen) darstellen, oder mit Funktionsbuchstaben. In der dritten Zeile habe ich die Darstellung als Zwischendominante angedeutet. Bezeichne die Umkehrungen wie unter dem ersten Akkord! Zur Lösung

Funktionsanalyseübung


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