Ulrich Meyer, Gitarre

Akkorde: Vorbemerkungen

Das Thema Akkorde / Dreiklänge umfasst die meisten Themenseiten unter den Musiklehre-Themen. Viele Kapitel sind mit anderen verlinkt, weil es hoffentlich sinnvoll ist, schnell mal etwas bei den Tonleitern, den Intervallen oder der Grundlagen nachzulesen, aber die Akkorde-Seiten sind auch miteinander oft sehr verzahnt. Manche Dinge stehen vielleicht an überraschenden Stellen, manche Gedanken werden plötzlich anderswo weiter geführt.

Einige Themen sind wahrscheinlich schwierig zu verstehen, wenn man sich mit Tonleitern und Intervallen noch nicht sicher auskennt. An den Akkorden zeigt sich ganz deutlich: entweder du weißt etwas, weil du es gelernt und eingeübt hast, oder du schwimmst... Besonders hart sind sicher die Abschnitte über das Aufbauen von Dreiklängen und Umkehrungen von Drei- und Vierklängen: sie sind auch in Musikklausuren immer wieder besonders beliebt.

 

Dreiklänge - Versuch einer Eingrenzung Home Musiklehre Stichworte oben

Was versteht man unter einem Dreiklang? Wenn ich versuche, eine Definition zu finden, sitze ich erstmal ganz schön verdattert da. Wie soll man das erklären?
Offenbar spricht man von einem Dreiklang, wenn 3 Töne gleichzeitig erklingen. Wenn die Töne nacheinander erklingen, aber zusammen gehören nennt man das auch einen Dreiklang, der zerlegt, gebrochen oder arpeggiert ist.

Dreiklänge 01

Irgendwelche Töne? Keineswegs! Man kann c, d und e gleichzeitig spielen, aber niemand denkt dabei an einen Dreiklang (hört man sie nacheinander, denkt jeder sofort "aha, da beginnt eine Tonleiter").


C-Dur Dreiklang

Sagen wir mal so:
Ein "normaler Dreiklang" hat eine Terzenstruktur. Es gibt einen Grundton, eine Terz und eine Quinte, oder auf deutsch den ersten, dritten und fünften Ton einer gedachten Tonleiter. Als Beispiel steht rechts ein C-Dur-Dreiklang.


Dreiklänge mit dieser Struktur sind nicht alle gleich, weil die Terz groß oder klein und die Quinten rein, vermindert oder übermäßig sein können. Es gibt Durdreiklänge, Molldreiklänge, verminderte und übermäßige Dreiklänge. Sie werden in den folgenden Kapiteln untersucht.

C-Dur Umkehrungen

Eben diese Dreiklänge können umgekehrt werden, was bedeutet, dass z.B. der tiefste Ton des vorigen Beispiels nach oben oktaviert wird. Die Grundstellung ist weg, die Terzenstruktur ist jetzt verschleiert. Wenn man herausfinden will, um was für einen Dreiklang es sich handelt, muss man ihn gedanklich wieder in die Grundstellung bringen. Eigentlich steht hier wieder der C-Dur-Dreiklang.

C-Dur Quartvorhalt

Einem Dreiklang kann ein Ton vorenthalten werden. Die Terzenstruktur ist gestört, aber das geschulte Ohr hört schon, dass sich einer der drei Töne so bewegen wird, dass wieder ein normaler Dreiklang am Ende steht. Das f wird sich zum e auflösen, der Quartvorhalt in einen Durdreiklang münden, und zwar in den C-Dur-Dreiklang.

Quartklang

Natürlich gibt es auch völlig andere Dreiklänge, es gibt ja nicht nur alte Musik, sondern auch solche, die sich um unsere Hörgewohnheiten wenig schert. Ein Beispiel von vielen sei nebenstehender Quartklang. Kein C-Dur-Dreiklang!

Na, der Versuch einer Definition oder Beschreibung ist natürlich sauber daneben gegangen. Es ist ja auch nicht so einfach! Definieren Sie mal, was ein Auto ist. Der Wortsinn ist die erste Falle: "automobil" kann man wohl in "selbst" und "bewegt" zerlegen. Erste Kritik meldet sich im Hintergrund. Ein vierrrädriges Etwas, das sich selbst bewegt...

Ich hoffe, der Leser kann mir darin folgen, dass der Versuch, musikalische Themen zu erläutern immer wieder auf das Problem stößt, dass genaue Definitionen schwierig sind, besonders solche, die alle Fragen schon beantwortet haben, bevor sie einer stellen kann. Die Musik ist eine Kunst, die ihrem Wesen nach immer wieder Grenzen berührt und überschreitet, das heißt, man muss immer darauf gefasst sein, dass Erklärungen nicht ausreichen, Vorbedingungen als bekannt vorausgesetzt werden (aber gerade mal nicht bekannt sind), Folgerungen nur angedeutet werden und man entsprechend weiter forschen und lernen ...darf!

 

Dreiklänge sind die Grundlage der harmonischen Struktur der Musik, sie sind dafür hauptverantwortlich, dass wir auf psychischer Ebene von Musik nicht in Ruhe gelassen werden (natürlich sind auch Melodik und Rhythmus zu nennen). Dreiklänge stehen in Beziehungen zu einander. Besser: sobald Musik erklingt, fängt der Hörer an, mitzudenken, voraus zu ahnen, zu empfinden, zu bewerten.
Dreiklänge ruhen in sich, weil sie schön klingen, sie klingen dissonant und stiften Unruhe, sie gruppieren sich zu Kadenzen, sie wollen sich auflösen. Wenn ein Dreiklang oder Akkord (es gibt ja auch Vierklänge und noch kompliziertere Gebilde) so viel Spannung enthält, dass der Hörer mit ihm als Schluss definitv unzufrieden wäre, strebt er nach Auflösung, d.h. er wird entweder in sich verändert, oder er bewegt sich überhaupt zu einem neuen Zielklang weiter. Die Dominante löst sich zur Tonika auf.
Diese Thematik, das geheime Leben der Dreiklänge jenseits ihres eigenen Aufbaus ist ein Bereich, der immer wieder nur angerissen werden kann. Man kann mit der Erläuterung der C-Dur-Tonleiter ja auch nicht wirklich die erste Symphonie von Beethoven erklären...

 

Struktur des Durdreiklanges Home Musiklehre Stichworte oben

Nehmen wir uns den im vorigen Abschnitt immer wieder als Beispiel genutzten Durdreiklang vor, und analysieren wir seinen Aufbau.

Ein Durdreiklang besteht aus einem Grundton, einer großen Terz, und einer reinen Quinte. An Position 4, 5 und 6 der Partialtonreihe tauchen seine Töne auf.

Obertonreihe

 

Der Durdreiklang (lila gefärbt) ist in der Obertonreihe enthalten.

Übrigens wird die Konstruktion oft so beschrieben: Dur hat unten eine große Terz und oben eine kleine, bei Mollakkorden ist dies umgekehrt. Das ist zwar richtig beobachtet, aber der obere Ton baut eigentlich auch auf dem Grundton auf, nicht auf dem mittleren Ton. (Der fröhliche Streit ist hier ausführlicher dargestellt...)

Die Erklärung des Dreiklangaufbaus mit dem "Terzenstapeln" aber ist nicht nur eine physikalische Halbwahrheit, sie verschleiert die Gemeinsamkeiten zwischen gleichnamigen Dur- und Mollakkorden. Auch wenn C-Dur und C-Moll in zwei völlig verschiedene tonale Umfelder gehören, haben sie doch zwei der drei Töne gemeinsam...

Vollends absurd wird diese Denkweise, wenn man sich die Intervallstruktur von Septakkorden auch noch so erklären will: ein großer Septakkord bestünde dann aus einer großen, einer kleinen und einer großen Terz, ein Dominantseptakkord aus einer großen, einer kleinen und einer kleinen Terz, und ein übermäßiger Septakkord aus einer großen, einer großen und einer kleinen... soll ich noch ein paar Septnonakkorde aufblättern? Irgendwo hört der Spaß ja auf, und man sollte sich um die gemeinsamen Strukturen und die Besonderheiten kümmern, damit einem der Spaß nicht vergeht!

Experimente mit Resonanz

 

Es gibt einige interessante Möglichkeiten, zu demonstrieren, dass das Modell "Terzenstapel" nicht viel mit der physikalischen Wirklichkeit zu tun hat:

1. Man kann es mit einer Gitarrensaite zeigen, indem man die Obertöne beim fünften, vierten und dritten Bundstab spielt. Nimm die Ordnungszahlen der Partialtöne im Bild oben: Partialton 1 wird erzeugt, indem man die ganze Saite anschlägt. Partialton 2, indem man einen Flageolettton in der Mitte der Saite (½ Saite) erzeugt. Für die Oktavquinte muss man die Saite dritteln (beim siebten Bund) und so weiter. So kann man den Anfang der Obertonreihe, ganz bestimmt aber den Durdreiklang mit Obertönen beim fünften, etwa dem vierten und dem dritten Bundstab hörbar machen.

2. Mit dem physikalischen Phänomen der "Resonanz" lässt sich sehr gut zeigen, dass Terz und Quinte auf dem Grundton aufgebaut sind, und nicht die Quinte auf der Terz. Resonanz bedeutet, dass ein Körper, der auf eine bestimmte Tonhöhe gestimmt ist in Schwingung versetzt wird, wenn dieser Ton (kräftig genug) in der Nähe erklingt.
Wenn Du am Klavier sitzt und das rechte Pedal trittst, also die Dämpfung aufhebst, und dann das Klavier ansingst, schwingen die Saiten mit, die auf den gesungenen Ton gestimmt sind und die, in deren Obertonreihe der Ton enthalten ist. Ein Glissando sorgt für entsprechend viele mitschwingende Saiten.

Obertonexperiment 1

Mache folgende Experimente:

Drücke am Klavier (man braucht hierfür ein Klavier oder einen Flügel - ein Digitalpiano hat ja keine Saiten!) das eingestrichene c, e und g stumm herunter, also so, dass kein Ton entsteht, aber die Dämpfer die Saiten frei schwingen lassen (Im Notenbeispiel durch die eckigen Noten angedeutet).

Dann spielst du kräftig und kurz das große C (normale Note). Man hört alle drei Töne, deren Tasten du mit der rechten Hand nur niederdrückst. Das lässt sich weiter überprüfen: Drücke nacheinander die drei Töne einzeln stumm herunter (Takt 2 - 4).
Nur im letzten Takt, wenn du das g' stumm herunterdrückst und das große E anschlägst, hörst du keine Resonanz: e ist die Terz des C-Dur-Dreiklanges, aber in der Obertonreihe des e - und die erklingt ja, wenn man diesen Ton spielt - ist das g nicht enthalten.

Obertonexperiment 2

Jetzt die Gegenprobe: drücke das große C stumm herunter und schlage in der eingestrichenen Oktave erst den C-Dur-Dreiklang an, der komplett (zwar leise, schließlich entstehen die Töne nur durch Resonanz) zu hören ist, weil alle drei Töne im großen C als Obertöne enthalten sind.

Danach spielst du wieder die Töne einzeln, und sie werden einzeln zu hören sein. Nur im letzten Takt klappt es wieder nicht: das g ist nicht auf dem E aufgebaut.

Obertonexperiment 3

Entsprechende Tests lassen sich auch sehr gut mit einer Gitarre durchführen:

Im Notenbild rechts bedeuten normale Noten, dass man den Ton kräftig anschlägt und dann abdämpft, eckige Noten, dass man die Saiten frei schwingen lässt, um das Resonanzverhalten zu überprüfen, und die Noten mit Kreuz als Kopf deuten an, dass man die entsprechende Saite abdämpft.

In Takt 1 hört man ein h und spürt, wie die h-Saite vibriert, wenn man das tiefe E kurz anschlägt, in Takt 2 hört man die hohe e-Saite, im dritten Takt muss man ein gis auf der e-Saite greifen, das dann mitschwingt, und im letzten Takt schlägt man ein tiefes Gis an und greift ein h im 7. Bund der e-Saite und hört - nichts. Gis ist die Terz des E-Dur-Dreiklanges, h die Quinte, und die beiden haben so direkt nicht viel mit einander zu tun...

Obertonexperiment 4

Im umgekehrten "Testaufbau" lässt man die tiefe E-Saite offen, stoppt alle mittleren Saiten ab, und schlägt nacheinander einen E-Dur-Dreiklang, ein h, ein e und ein gis an, die alle eine Resonanz in der tiefen E-Saite hervorrufen. Nur wenn man, wie im letzten Takt, die Quinte h anschlägt und dazu das tiefe Gis bereitstellt zur Resonanz, passiert nichts. Man kann auch ein g auf der hohen e-Saite anschlagen - die leere tiefe E-Saite wird nicht mitschwingen.

3. Wenn man einem Obertonsänger zuhört oder selber Obertöne singen kann, hört man gleichzeitig Grundton und Oktave, oder Grundton und Oktavquinte, oder Grundton und die zwei Oktaven höhere Terz. Septimen und große Nonen gehen auch noch sehr gut, aber die kleine Terz lässt sich nicht herauskitzeln.

Die Tatsache, dass die kleine Terz und überhaupt der Molldreiklang nicht in der Obertonreihe vorkommen, hat vielen Musiktheoretikern übrigens große Bauchschmerzen bereitet. Darüber will ich aber hier nicht jammern.

Durregal



Links ein Durregal, rechts das Mollregal. Der Rahmen ist gleich groß...

Mollregal

Sprachliche Entwicklungshilfe Home Musiklehre Stichworte oben

Die deutsche Sprache ist in Sachen Musik bisweilen erstaunlich unpräzise oder jedenfalls wenig hilfreich. Unsere Begriffe Dur und Moll, die ja die beiden Tongeschlechter bei Akkorden und Tonleitern bezeichnen, kommen aus dem Lateinischen. Sie bedeuten übersetzt hart bzw. weich. Diese beiden Adjektive für die Tongeschlechter haben beschreibenden Charakter, genau benennen tun sie die Sache nicht. Das entscheidende Adjektiv, das die Terzen charakterisiert ist groß bzw. klein. Das sind deutsche Worte, die im Wort für die Dreiklänge mit der großen bzw. kleinen Terz nicht enthalten sind. Pech!

Da haben es unsere europäischen Nachbarn leichter: Die englischen Bezeichnungen für Dur und Moll haben quasi erklärenden Charakter: eine große Terz heißt major third, ein Durdreiklang major triad oder major chord, und eine Durtonleiter major scale. Kleine Terz heißt minor third, Mollakkord minor chord und Molltonleiter minor scale. Die Worte major und minor kommen ebenfalls aus dem Lateinischen und bedeuten größer bzw. kleiner und beziehen sich auf die Terz des Dreiklanges.
Das Adjektiv, das Tonleiter, Dreiklang und Terz in Dur und Moll unterscheidet, beschreibt vom Wortsinn her im Englischen, Französischen und Italienischen die entscheidende Eigenschaft: groß oder klein. Damit ist vieles gesagt, während "hart" und "weich" hübsch, aber ungenau sind.

 

Deutsch Englisch Französisch Italienisch
Durdreiklang
lat. durus: hart
major triad, major chord
lat. maior: größer
accord majeur accordo maggiore
Durtonleiter major scale gamme majeure scala maggiore
große Terz major third tierce majeure terza maggiore
Molldreiklang
lat. mollis: weich
minor triad, minor chord
lat. minor: kleiner
accord mineure accordo minore
Molltonleiter minor scale gamme mineure scala minore
kleine Terz minor third tierce mineure terza minore


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