Ulrich Meyer, Gitarre

Gehörbildung

Was man hört analysieren zu können, was man sich vorstellt benennen oder aufschreiben zu können: das sind die zwei Seiten der Medaille "Gehörbildung".

Einerseits sieht man den tauben Beethoven vor sich, über die Felder wandelnd und dabei komponierend, wobei er seine Einfälle in Notizbüchern festhält und dann zu Hause ausarbeitet: der Mann brauchte kein Klavier, um zu überprüfen, ob er denn nicht einen Fehler bei der Niederschrift gemacht hat.

Andererseits wird der Mensch, der nach dem Hören einer Sonate plötzlich von der Durchführung im vierten Satz redet, oder überlegt, ob die Harmonisierung einer Passage übereinstimmt mit der Parallelstelle in der Exposition mitleidig belächelt als verkopfte, wahrscheinlich emotional verarmte Type, die zu wirklichem Genuss gar nicht mehr fähig ist.

Aber der Chorsänger soll doch bitte sehr alle Töne vom Blatt singen, das wäre nützlich!

Gehörbildung ist ein schwieriges Gebiet, bei man sich heute von netter Software und Computersoundkarten helfen lassen kann. Ich habe als Teenager Aufgaben auf dem alten Tonband aufgenommen, wobei das Klavier schlecht gestimmt war und das Bandgerät leicht eierte, und diese dann 2 Wochen später aufzuschreiben versucht. Ja ja, die schlechten alten Zeiten...


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Wie kann man einen Einstieg in die Gehörbildung finden? Es gibt gescheite Bücher über die Thematik, aber letztendlich hilft nur, selber aktiv zu werden. Vielleicht kann ich ein paar Hinweise geben, wie man in die Materie hineinfindet, ohne gleich frustriert wieder aufzugeben.

Generell gilt: man kann alles "passiv" machen, d.h. sich Intervalle, Melodien, Akkorde vorspielen lassen und diese dann benennen, aufschreiben, bestimmen, aber man kann sehr vieles auch aktiv erarbeiten: Intervalle singen, Melodien vom Blatt singen, Drei- und Mehrklänge singen, Rhythmen klopfen und üben, innerlich Vorgestelltes notieren, komponieren. Was man selbst aktiv übt, bereitet einen auf die passive, rezeptive Seite der Medaille vor und ist vielleicht der wertvollere Teil der Bemühungen! Ich kann besser wieder erkennen, was ich selbst singen kann!

1. Was habe ich?


a) Man hat immer sich selbst als Arbeitspartner. Für die aktive Seite (selber singen, Vorgestelltes aufschreiben) ist das der Einzige, den man braucht.

b) Technische Hilfsmittel. Früher Tonbandgerät oder Kassettenrekorder, heute eher Software für den Compi. Selbstüberlistungs- tricks wie "blind auf ein Blatt tippen". Würfel für Selbstüberlistungsaufgaben wie "schwarze 5 = singe den Durdreiklang, dessen Tonart 5 bs hätte (Des-Dur); weiße 3 = singe A-Dur"... oder "singe 7 Halbtonschritte hoch, danach 11 runter"... Fantasie ist gerade bei Gehörbildung Trumpf!

c) Gleichgesinnte Freunde. Wenn man jemanden hat, der 10 Minuten Intervalle am Klavier anschlägt und sagen kann, ob man richtig gehört hat, und dafür als "Bezahlung" gleiche Münze akzeptiert, ist das toll! Wenn man keinen solchen Partner hat, muss man suchen: Aushang in der Schule, Musiklehrer ansprechen, in der Musikschule fragen. Der Kollege muss ja nicht dasselbe Instrument spielen, die Nachfragen also offen formulieren! Wenn die Kenntnisse auf dem Tasteninstrument (ist wohl das Gerät der Wahl für Gehörbildung) lückenhaft sind... Mühe geben! Üben! Das macht mich nicht dümmer, und ich muß ja kein Chopin - Prélude lernen!

d) Unterricht. An vielen Musikschulen gibt es die "Studienvorbereitende Ausbildung". Man muss nicht unbedingt Musik studieren wollen, um daran teilzunehmen. Dort sollte es jedenfalls auch Unterricht im Fach Gehörbildung geben.

e) "Theoretisches" Wissen. Gehörbildung ist kein Fach für "Musiklehre - Couch - Potatoes"! Wer noch lange überlegen muss, wie die kleine Septime über as heißt, oder welche Töne ein verminderter Septakkord über dis hat, muss noch Hausaufgaben machen, sonst blockiert er sich. Würde ich mal ganz flockig behaupten...

f) Freundlichkeit, Abwechslung, Vernetzung. Hat man mit etwas Schwierigkeiten - behutsam weitermachen, leichte Aufgaben wählen, Zeit geben, Beispiele wiederholen.
Um zu verhindern, dass man sich irgendwo festbeißt sollte man immer wieder Aufgabenstellungen und Themen variieren. Also nicht endlos geschlossene Akkorde geben, sondern zu arpeggierten wechseln, und dann überhaupt ein Rhythmusdiktat einschieben.
Immer wieder Querverbindungen aufspüren: beim Melodiediktat über Kadenzschlüsse nachdenken, Intervalle Dreiklängen zuordnen, Stufenhören mit Intervallen verbinden. Da alles zusammen wachsen muss, ist es hilfreich, Dinge eben nicht isoliert zu betrachten. Strenges Schweigen zwischen Diktierendem und Hörendem kann mal lustig sein, aber Beobachtungen zu diskutieren ("Das ist doch wie in...") halte ich für produktiver!


2. Welche Themen kann / sollte man beackern?


a) Dur / Moll bestimmen. Ein freundlicher Einstieg: erstmal "auf Zuspiel" Dreiklänge als Dur oder Moll erkennen. Anfangs in der Mittellage des Klaviers, je nachdem was leichter fällt zunächst die Töne nacheinander oder geschlossen angeschlagen, dann höhere und tiefere Lagen, sowie Umkehrungen.
Aktiv: Dur- und Mollakkorde singen, auch in Umkehrungen.

b) Intervalle. Bei den Intervallen würde ich raten, mit dem Singen zu beginnen, nachdem man für jedes Intervall ein Beispiel gespeichert hat. Zufallsbestimmte Übungen helfen.
Passiv sollte man die Töne nacheinander, auf- und abwärts, gleichzeitig gespielt, und zunehmend in extremen Lagen hören üben. Der Aufgabensteller kann alles schwieriger machen, indem er tonal entlegene Abfolgen wählt.
Mit der Zeit findet man sicher heraus, welche Intervalle schwer fallen, welche man gerne verwechselt.

c) Melodiediktat, ein- und mehrstimmig. Vorgespielte Melodien, Teile aus Stücken etc. aufzuschreiben ist ein zentrales Thema. Der Diktierende sollte genug von der Sache verstehen, um Aufgaben nach Schwierigkeit zu ordnen. Der Schreibende hilft sich, wenn er ein gutes "Stufenbewußtsein" hat, d.h.: wenn ich nicht mehr sicher bin wegen des Intervallsprunges, den ich gerade höre, hilft mir vielleicht, die Zielnote (einer Phrase) einer Tonleiterstufe zuzuordnen. Dazu brauche ich die Querverbindung zu den Kadenzlagen und eben das Stufenhören. Beim Diktieren / Hören Phrasenlängen variieren! Nicht immer nur zwei Takte vorspielen, sondern immer wieder zwischendurch längere Strecken, damit Sequenzen und auf Kadenzen beruhende Abschlüsse erkannt werden.
Aktiv: Blattsingen und einfache Stücke innerlich vorstellen, danach überprüfen, ob man sich die Sache richtig vorgestellt hat. Etwas komponieren und nach Fertigstellung einer Phrase kontrollieren, ob man richtig geschrieben hat. Das ist natürlich kein Komponieren um des Komponierens willen!

d) Stufenhören. Vorgespielte Melodiestücke auf Stufenziffern nachsingen bzw. sagen, was man hört.
Aktiv: Lieder oder Intrumentalstimmen auf Stufenziffern absingen.

e) Dreiklänge. Dreiklänge, nach und nach außer Dur und Moll auch verminderte und übermäßige, in Grundstellung, später auch gemischt in Umkehrungen hören. Arpeggiert und geschlossen, in mittlerer und zunehmend in hoher und tiefer Lage.
Aktiv: Dasselbe singen, nach dem Zufallsprinzig oder mit Partner auf Zuruf mit gegebenem Anfangston. Auf- und Abwärts.

f) Septakkorde. Im Prinzip genauso wie die Dreiklänge zu behandeln, wobei das Ganze bei vier Tönen natürlich wesentlich komplizierter wird! Vorher die leitereigenen Septakkorde wiederholen!

g) Akkordfolgen, Kadenzen. Benennen, welche Akkordfolge am Klavier gespielt wurde. Kadenzlagen hören, unterschiedliche Kadenzen in Funktionsanalyse benennen oder komplett aufschreiben. Das ist in enger Lage, wenn der Diktierende die Stimmführungsregeln beachtet zum Teil auch "theoretisch" zu erschliessen.
Aktiv: Unterschiedliche Liedharmonisierungen vorstellen und danach ausprobieren.

h) Rhythmus. Rhythmusdiktate können sehr anstrengend sein, wenn man tatsächlich alles auf einem Ton macht. In Paul Schenks "Schule des Blattsingens" sind einfache Tonleiterfiguren rhythmisiert, das scheint mir hilfreich.
Aktiv: Wenn man sich komplizierte Rhythmen einfach mal aufschreibt und danach klopft, klatscht oder singt kann man gute Fortschritte machen: erstmal ist man zum Denken gezwungen (Wann ist der Takt eigentlich voll?), und dann kann man z.B. mit einem Notenschreibprogramm, das einem die erdachten Takte vorspielt, überprüfen, ob man alles richtig gemacht hat.

i) Taktarten. Muss der Diktierende bei Melodie- oder Rhythmusdiktaten die Taktart ansagen? Eigentlich nicht! Eigene Meinungs- bildung zuerst, dann berichtigen!

j) Musik hören. Man kann immer, wenn man Musik hört zwischendurch mal überlegen "Was ist das eigentlich für ein Takt? Mit welcher Stufe beginnt die Melodie? Komischer Akkord, was kann das denn sein? Auch banale Dinge machen einen nicht dümmer, eher sicherer!


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