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Schön, wenn man weiß, was Takt, Triole und Synkope bedeuten, aber letztlich geht es ja um die Praxis! Ein Instrument wie Gitarre spielen zu lernen ist ja machbar: man erlernt die Bedeutung der Noten, und dann die Zuordnung: die Note erfordert, dass ich im 3. Bund einer Saite greife und dann die Saite anschlage. Aber wie lange soll der Ton dauern? Musizieren bedeutet, etwas fließend und fortlaufend zu machen, wobei es aber nicht egal ist, wie schnell oder wie langsam etwas geschieht, und ob mit oder ohne Unterbrechungen. Beim Sockenstricken - auch in gewisser Weise ein rhythmisch fließender Vorgang - kann ich jederzeit pausieren, ohne dass das "Werk" darunter leidet...
Zählen lernen Home Musiklehre Stichworte oben
Wer soll da noch durchsteigen? Es wird Zeit, dass wir uns nach der gemütlichen Aufzählung der möglichen Rhythmen und ihrer Zeichen darum kümmern, wie man das eigentlich lernen soll... Was muss man tun, damit man das System nicht nur theoretisch versteht, sondern auch praktisch umsetzen kann?
Die Aufgabe ist, beim Spielen eines Musikstückes "live" zu überwachen, ob die Töne die richtige Dauer haben. Man muss also beim Lesen der Noten diese quasi in ein Raster einordnen. Als Novize darf man sich Zählzeiten gerne in die Noten schreiben - siehe die folgenden Abschnitte "Taktschlagen" und "Laut zählen". Irgendwann hat man hoffentlich fast immer den Überblick auch ohne Notizen! Wenn ein Computer live eingespielte Noten in einem Midiprogramm aufzeichnet, tut er nichts anderes: er ordnet die Noten nach Vorgaben für Takt und Quantisierung sinnvoll ein.
In der Besprechung von Alicia Keys' neuer CD in der Tagespresse steht sinngemäß, dass es ähnlich schwierig sei, zu singen und sich dabei gleichzeitig auf dem Klavier zu begleiten, wie sich auf den Kopf zu klopfen und dabei den Bauch in Kreisen zu reiben (vielleicht auch etwas schwieriger). Frau Keys sagt denn auch aus, dass sie lange und viel geübt habe, um das zu können (sehr beruhigend, zu erfahren, dass auch Stars üben...). Genau dies, die Gleichzeitigkeit vieler Vorgänge, ist die Hauptschwierigkeit beim Musizieren. Was passiert im Gehirn des Gitarrenschülers?
Das Auge sieht eine Viertel punktiert a auf der g-Saite auf dem Notenblatt. Dass es sich um das a auf der g-Saite und nicht auf der d- oder A-Saite handelt merkt es an entsprechenden Hinweisen wie Saiten- oder Lagenbezeichnung. Das Gehirn befiehlt der Greifhand, das a auf der g-Saite im zweiten Bund zu greifen (dass dazu eine bestimmte Körper-, Arm- und Handhaltung eingenommen wird lassen wir jetzt mal beiseite), gleichzeitig bekommt die Anschlagshand den Befehl, die g-Saite (und nicht die h- oder d-Saite) anzuschlagen. Dann berechnet das Gehirn, wie lange die Note dauern soll. Außerdem registriert es, ob der zweite Gitarrist noch mitspielt, die richtige Note in der richtigen Länge spielt oder zu schnell weiter geht. Falls letzterer Fall eintritt, wird blitzartig eine Entscheidung gefällt zwischen "Katastrophe, sofort aufhören und neu beginnen" oder "ebenfalls Ton kürzen und gemeinsam weiterspielen". Am Rande hört der Spieler, dass das kleine Kind in der ersten Reihe des Publikums gut hörbar äußert "Mama, warum guckt der Junge so komisch?", beschließt aber, dieser Wahrnehmung keine größere Bedeutung beizumessen und statt dessen die nächste Note, diesmal eine von drei gleichzeitig zu spielenden, konzentriert in Angriff zu nehmen...
Als Lehrer für Gitarre und Blockflöte verbringt man viel Zeit damit, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (die beim Lernen oft größere Schwierigkeiten haben) zu helfen, wie man mit dem oben beschriebenen Chaos klarkommt. Was die zeitliche Organisation der Musik, also Rhythmus und Takt angeht, hätte ich einige Tipps für das Lernen und Üben.
Taktschlagen mit dem Fuß Home Musiklehre Stichworte oben
Natürlich möchte niemand einem Gitarristen zuhören, der den Takt so laut auf den Bühnenboden klopft, dass man die Gitarre nicht mehr hört, aber als Lernprozess ist diese Übung sehr wichtig und effektiv. Es ist schwierig - siehe oben "Alicia Keys..." aber Musik hat mit dem ganzen Körper zu tun! Nicht nur wenn man tanzt! Die Schwierigkeit, bei einer halben Note zweimal mit dem Fuß auf den Boden zu klopfen, besteht darin, dass es dem Körper und seiner Denkzentrale schwer fällt gleichzeitig zwei Dinge zu tun, nämlich einen Ton zu spielen und zweimal mit dem Fuß zu klopfen (oder umgekehrt). Also muss man das mit dem ganzen Körper üben.
Zuerst bitte nur die einfachsten Stellen vornehmen. Um die Koordination möglich zu machen, spielt man erst mal eine Melodie, die nur aus Vierteln besteht und klopft Viertel dazu. Die Halben Noten in Takt drei und vier brauchen schon mehr Aufmerksamkeit.
Und man sollte das Üben mit dem Fuß zunächst wirklich extrem langsam machen, damit das Gehirn wirklich Zeit hat, das Spielen der Töne, das Klopfen und quasi den Spieler selbst zu beobachten beim Versuch, nicht durcheinander zu kommen! Anhören...
Schwieriger wird es dann, wenn zwei Achtel auf einen "Viertelfuß" kommen. Sehr langsam und bewusst die beiden Bewegungen aufeinander abstimmend macht man aber garantiert Fortschritte - wenn man schnell aufgibt natürlich nicht... Man kann sich erst mal damit helfen, dass die erste Achtel dran ist, wenn der Fuß unten ist, die zweite aber wenn der Fuß oben ankommt. Etwas eckige Bewegungen, für die man entsprechend starke Impulse gibt, helfen. Anhören.
Wenn der gute Meister Jakob punktiert daher kommt, wird es noch haariger: die Achtel nach der Punktierung muss nach dem zwei- ten Schlag, die nächste Viertel auf den dritten kommen. Anhören.
Punktierungen sind ein sehr schwieriges Kapitel, von Überbindungen ganz zu schweigen. Richtig erarbeiten kann man diese Rhythmen erst mit Kindern im "Bruchrechenalter", auch wenn es musikalische Menschen gibt, die schon vorher mit diesen Dingen zurecht kommen. Diese Version von "Hänschen klein" ist also nichts für Kleine. Anhören.
Immer wieder stellt sich gerade bei langsamen Sätzen mit vielen kleinen Notenwerten die Frage, was man denn nun klopfen soll. Im folgenden Beispiel, dem Beginn eines Adagio aus einer Triosonate von Sammartini, klopft der Spieler der ersten Stimme Achtel, der der zweiten Stimme Viertel.
Was ist schlauer? Spieler 1 sagt sich "Gehen wir mal lieber auf Nummer sicher - sonst weiß ich ja nicht, wann im zweiten und dritten Takt die Sechzehntel kommen". Spieler 2 ist vielleicht ein bisschen routinierter und kann die Viertelschläge innerlich in zwei Häflten unterteilen, wo es nötig scheint. Oder er kann die Figur "Viertel punktiert, zwei 16tel" wie "Viertel punktiert, Achtel" empfinden. Besonders vor den letzten drei 16teln in der 2. Stimme zeigt sich der Vorteil seiner Methode: man spielt die drei Noten einfach direkt nach dem vierten Taktschlag.
Insgesamt unterteilt man das "rhythmische Netz" mit den Achteln in kleinere Maschen. Die vermehrten rhythmischen Impulse führen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu kleinkarierterem Spiel. Nur Viertel zu schlagen sorgt dagegen für mehr Großzügigkeit und Spielfluss - auch und gerade in langsamen Sätzen. Wenn man das Geklopfe gar nicht mehr nötig hat, ist es oft gut, "nur Halbe" als Taktschwerpunkte zu empfinden, dann gelingen viel größere Bögen!
Die Verabredung "Lass uns mal Achtel zählen..." führt gerade bei barocken Stücken gerne zu Nähmaschinen-Musik und ist ein letztes Mittel, in wenig geprobten Stücken der Aufführung zum sicheren Gelingen zu verhelfen...