Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Linkshänder

Anders als bei Streichinstrumenten ist bei Gitarristen ziemlich akzeptiert, dass man als Linkshänder "anders herum" spielt. Besonders im E-Gitarrenbereich findet man im gut bestückten Geschäft immer auch Instrumente für Linkshänder - Paul McCartney, Jimmy Hendrix und Kurt Cobain sei Dank! Und gleich zu Anfang: wer bei mir Unterricht nimmt, wird selbstvertändlich nicht "umgetrimmt", sondern ermutigt, so zu spielen, wie es ihm behagt!

Es ist nicht egal!

Die Frage, ob es denn nicht egal ist, welche Hand anschlägt und welche greift, kann man vielleicht an einen Tennisspieler richten. Wer wirklich bewusst anschlägt, also mit der Anschlagshand Impulse gibt und steuert, der wird das mit seiner "ersten" Hand machen. Die andere Hand hat zwar viel und wichtige Arbeit, aber sie wählt die Töne nur aus, während die erste gestaltet und das Timing bestimmt. Die Befehlsabfolge mit Reaktion der Nerven sieht etwa so aus: im Gehirn wird der Befehl gegeben, die Anschlagshand erzeugt den Ton und die Greifhand geht koordiniert mit.

Gerle linkshaendig

Eine sechschörige Laute nach Gerle in einfacher Ausführung von Renatus Lechner. Am Brandstempel sieht man, dass sie wirklich für einen Linkshänder gebaut wurde - keine Fotomontage. An vielen Details fällt auf, dass Lauten keineswegs symmetrisch sind.

Wenn ich mit Schülern oder Eltern über die Linkshänderfrage spreche, benutze ich gerne die Formulierung, das Gehirn sei der Chef, die Anschlagshand der Vorarbeiter und die Greifhand der Sklave, und man müsse "durch die Anschlagshand denken". Fast das Gleiche steht unter "Violine, Violoncello" auf der Linkshänder - Seite von Dr. Elisabeth Ertl (dort etwas nach unten scrollen) und unter Zupfinstrumente. Dort werden die Aufgaben der beiden Hände sehr gut analysiert, allerdings das Timing bei der Anschlagshand nicht aufgeführt.

Erfahrungsberichte

Selbsterfahrungsberichte kann ich hier ja nicht geben; außer einer mehrmonatigen Sehnenscheidenentzündung während des Studiums hat mich nie jemand gezwungen, mit der nichtdominanten Hand zu schreiben. Folgende Artikel zu Linkshändigkeit und Instrumentalspiel fand ich interessant: "Musikinstrumente für Linkshänder" auf der "Rückschulungsseite". Zwei Texte zum Thema "Schlagzeug mit links": Interview mit Ben Bönniger; sowie "Ein paar Worte zum Schlagzeug".

Spannend finde ich auch, was man in Foren findet, wenn man "Gitarre links spielen" oder ähnliches in die Suche eingibt. Da gibt es Beiträge und Tipps von (vermute ich) relativen Laien, die sich so lesen, als ob es die schlechten alten Zeiten, als Linkshänder mit Schlägen gezwungen wurden, mit der "lieben Hand" zu schreiben, nie gegeben hätte. Warum kann ein Rechtshänder nicht mit einer Linkshänderschere schneiden? Alles egal! Probiers einfach aus, Hauptsache du fühlst dich gut dabei...

Mögen die oben verlinkten Artikel Unentschlossenen Mut machen! Jedenfalls wird dort beschrieben, dass leichtfertiger Umgang mit der Händigkeit zu richtigen Problemen führen kann. Wie sagte eine erwachsene Schülerin von mir so schön...: "Wenn ich mit rechts Gitarre spielen müsste, würde ich nicht spielen!" Recht hat die Linkshänderin!
Es gibt aber immer auch mal wieder Leute, die rechtshändig (gut) Gitarre spielen, aber mit links schreiben und Tennis spielen - jeder Mensch ist anders!

Ich habe mal für die Osterferien eine Gitarre umbesaitet und versucht, linkshändig spielen zu lernen. Abgesehen davon, dass Gitarre lernen nicht so einfach ist, kam ich mir die ganze Zeit total komisch vor. Dass das gleichzeitige Greifen von Melodie- und Basstönen nicht einfach sein würde, hatte ich erwartet, aber beim Anschlagen, beim Geben von rhythmischen Impulsen fühlte ich mich wie abgeschnitten von meinem Denkapparat.

Die Wichtigkeit des Anschlags

Immer wieder wird von Befürwortern des Umerziehens von Gitarristen ein auf den ersten Blick bestechend gutes Argument angeführt: Die Aufgaben der Greifhand, diese komplexen Griffe und Verrenkungen, gegenläufigen Bewegungen und die verlangte Unabhängigkeit seien doch so schwierig, dass es für Linkshänder egal, ja sogar besser sei, eine Gitarre für Rechtshänder zu benutzen. Dann kann man für diese Aufgaben die "starke" Hand nutzen!

Das klingt sehr logisch. Wenn man die Arbeit der Hände des Gitarristen vergleicht, kann man ohne weiteres zu dem Schluss kommen, dass das Anschlagen vergleichsweise simpel ist.

Wenn die Komplexität der Bewegung wirklich der einzige oder entscheidende Faktor ist, warum spielen dann nicht schon längst alle Rechtshänder auf Gitarren, Violinen und Violoncelli für Linkshänder?

Da die Statistiker mit 10 bis 15 Prozent Linkshändern rechnen, müssten doch die 85 - 90 % Rechtshänder längst gemerkt haben, dass sie falsch herum spielen?!
Ja, die Greifhand ist wichtig, aber die die Gestaltung und das Timing des Tones scheinen mir zumindest wichtiger.

Mark Knopfler, der Gründer der Dire Straits, Joe Perry, Gitarrist von Aerosmith oder Steve Morse sind offenbar Linkshänder und spielen auf Rechtshänderinstrumenten. Paul McCartney, Jimmy Hendrix und Kurt Kobain sind oder waren Linkshänder, die linkshändig gespielt haben. Und es gibt ziemlich viele mehr oder weniger berühmte Rechtshänder, die sich die Zähne tatsächlich mit rechts putzen! Jeder so wie er mag, und bitte niemanden umerziehen!

Überredung

Instrumentalschüler sind schnell in der Situation, dass der Lehrer gar nicht fragt. Man bekommt die erste Gitarre so in die Hand wie die meisten, fertig. Mit ein bisschen Überredung wird man zur Benutzung eines "normalen" Instrumentes gedrängt, denn es ist ja viel schwieriger, eine Gitarre für Linkshänder aufzutreiben, geschweige denn die beste unter mehreren herauszusuchen - es gibt schlicht viel mehr Rechtshändergitarren. Bei Streichern ist die Orchesterdisziplin ein weiterer Faktor.

Würde ein Trainer einen begabten Eiskunstläufer auffordern, dass er den doppelten Rittberger anders herum springt, als er es spontan kann? Oder einen Leichtathleten bei anspruchsvollen technischen Sportarten wie Hammerwurf einen jungen Sportler drängen, anders herum zu drehen und zu werfen?
Es hat viel damit zu tun, dass wir so ein komisches Werkzeug kaufen müssen, und dass man langes Überlegen und Ausprobieren scheut. Gut wäre, eine Gitarre für Linkshänder zum Probieren auszuleihen, wenn man nicht sicher ist.

Ich glaube nicht, dass man in der ersten Gitarrenstunde wirklich beurteilen kann, ob der Linkshänder auch mit rechts klarkommt. Alles ist neu! Die Haltung, die Anschlagsbewegung (anfangs greift man ja noch nicht), die Noten, der komische Lehrer, die anderen Kinder, man will nicht auffallen - wer spürt da schon, dass sich etwas nicht so gut anfühlt, dass es anders herum besser gehen könnte, und sagt das dann auch? Das Argument "Ich habe das von Anfang an so gemacht, und es hat mir nicht geschadet." ist für mich nicht überzeugend.

Gitarren für Linksverkehr einrichten

Als Konzertgitarrist kauft man in der Regel eine "normale" Gitarre und besaitet diese um. Sattel und Steg muss man etwas umarbeiten oder austauschen.

Die Rillen im Sattel sind mit der nötigen Breite für die vorgesehene Saite ausgestattet, es kann also eng werden, wenn die tiefe E-Saite in der Rille für die hohe E-Saite landet. Eventuell muss man hier vorsichtig etwas breiter feilen, dabei aber bitte aufpassen, dass man nicht auch tiefer feilt, oder "abschüssig", also so, dass die Saite hinten aufliegt!
Außerdem muss man auf die Höhe der Saiten über dem ersten Bund achten - es kann sein, dass die E-Saite an ihrem neuen Ort zu tief liegt. Dann hilft es, einen dünnen Holzspan oder Ansichtskartenkarton unter den Sattel zu legen.

E-Gitarrensteg

Während bei billigen Konzertgitarren der Steg manchmal wirklich gerade ist, kann man auf einer E-Gitarre die genaue Position jeder Saite auf dem Steg individuell einstellen.

Die Stegeinlage ist auf der Seite für die Bässe höher, damit die tiefen Saiten höher über dem Griffbrett liegen, weil sie etwas weiter ausschwingen. Man muss sie natürlich umdrehen, aber das ist nicht immer optimal, da sie gern angeschrägt ist: zum Griffbrett hin hat sie eine klare Kante, Richtung Saitenknoten fällt sie sanft ab. Dreht man sie also um, werden die Saiten an der scharfen Kante, auf der sie aufliegen geknickt und reißen dadurch leichter, und sie sägen sich ihrerseits in den Kunststoff ein und knuspern die Stegeinlage an. Eventuell muss man sich also eine neue Stegeinlage besorgen.

Wenn man genau hinschaut (und hinhört!), muss man außerdem die Nut für die Stegeinlage umfräsen, denn sie ist immer leicht schräg gefräst, damit die Basssaiten minimal länger sind als die hohen Saiten. Das muss so sein, weil die Bässe ja auch höher über dem Griffbrett liegen, der Weg beim Herunterdrücken also etwas größer als bei den hohen Saiten ist. Wären hohe und tiefe Saiten genau gleich lang, würden die Bässe in den oberen Lagen stets zu hoch klingen.
Da Stahlseiten weniger nachgeben als Nylonsaiten, ist die genaue Position auf dem Steg für die Saiten bei Western- oder E-Gitarren noch wichtiger.

Stegeinlagen

Die Stege zweier Kindergitarren, die eine für Rechts- die andere für Linkshänder. Man sieht deutlich, dass die Stegeinlage schräg ist, damit die Basssaiten etwas länger sind.
Im Bild unten sieht man noch besser, dass in den Steg der Linkshändergitarre anderes Holz eingeleimt wurde, damit die Nut anders herum gefräst werden kann. Außerdem ahnt man, dass die umsponnene g-Saite bald reißen wird.

Stegeinlage links

Bei kleinen Gitarren besaite ich das Instrument aber meist einfach um - da Anfänger noch nicht wirklich viel in höheren Lagen spielen, fällt die schlechte Intonation wegen der dann zu kurzen Bässe nicht so ins Gewicht. Spätestens bei einer großen Gitarre sollte man aber keine Kompromisse mehr eingehen und das Instrument vom Gitarrenbauer umrüsten lassen!

zweifach umgebauter Steg

Nicht wirklich gelungen: hier sieht man eine auf links umgebaute Gitarre, die wieder auf rechts zurückgebaut wurde. Die Stegeinlage verläuft Richtung hohe Saiten nach hinten, d.h. die Diskantsaiten sind so etwas länger als die Bässe. Das ist falsch: die Bässe müssen etwas länger sein, was bei der Linkshändereinstellung auch der Fall war.

Die anders herum eingesteckte Stegeinlage passt nicht gut: dass sie von hinten nach vorne ziemlich angeschrägt ist, ist im Bild nicht wirklich zu erkennen, aber sie ist mit einem Holzstück unterlegt, passt so herum nicht gut in die Nut und kippt stark nach vorne. Dadurch werden die Bässe nochmals zusätzlich verkürzt, und wirklich glücklich sieht es nicht aus. Eine andere Stegeinlage einzupassen wäre schon besser.

Gitarrenkauf mit links

Eine "richtige" Linkshändergitarre müsste vom Start weg ganz anders gebaut werden, denn das Innenleben des Instruments, die Ausarbeitung der Deckenstärken und die Bebalkung sind eventuell asymmetrisch auf die Bass- und die Diskantseite der Gitarre abgestimmt. So etwas bekommt man nur auf Anfrage vom "richtigen" Gitarrenbauer, bei dem man ein Instrument in Auftrag gibt.

Die Gitarre zu finden, in die man sich wirklich verliebt, ist für Linkshänder natürlich viel schwieriger! Wäre es ein Vorteil, wenn in einem Gitarrenladen 5, 10 oder 20 Prozent der vorrätigen Instrumente Linkshändergitarren oder auf links umgebaute Gitarren wären?

Natürlich hat das gut bestückte Geschäft in der Großstadt vielleicht zehn Instrumente ab 3000 €, mehr als 20 zwischen 800 und 1500 €, und richtig viele in der Einstiegsklasse, aber... ist denn bei den dreien, die um tausend kosten DIE Gitarre dabei, die wirklich die tollste in dem Preissegment ist? Linkshänder werden sich immer ein Stück weit darauf verlassen müssen, was der Lehrer, ein Freund oder der Ladenbesitzer ihnen vorspielt, und sich dann entscheiden...

Wenn man mit links spielt, kann man auf den meisten Gitarren auf diesem Planeten nicht spielen. Andererseits bleibt die eigene Gitarre von vielen unberufenen Händen unbehelligt!

Umdenken

Was den Umgang mit dem Unterrichtsmaterial, den Noten und Griffbildern angeht, haben Linkshänder den Vorteil, dass sie ihre Intelligenz schärfen dürfen (wie in so vielen Bereichen!). Griffbilder sind definitiv spiegelverkehrt für Linkshänder, erfordern also umdenken. Noten so umzuarbeiten, dass oben und unten vertauscht werden, wie Geza Loso dies macht, finde ich fragwürdig. Hohe Töne in der Grafik oben und tiefe unten anzuordnen scheint mir sinnvoll; nur weil bei einem Linkshänderklavier die Tasten für die hohen Töne links sind, sind die Töne ja nicht tief... Man ruft ja weder "Gib mir mal ein ganz hohes d!" weil man das Cello dabei hochhebt oder bei der Sopranflöte wieder das unterste Loch abdecken muss, noch sagt man zum Pianisten "Ein ganz linkes C bitte!"

Das visuelle Aufnehmen von Unterrichtsinhalten, sprich das Abgucken "Wie macht der das jetzt?" ist hoffentlich Gewohnheitssache. Wenn ich vor einem Spiegel übe, sitzt mir auch immer ein merkwürdiger Linkshänder gegenüber, der alles andersherum macht als ich! Das genaue Verfolgen von Bewegungsabläufen und Lernen durch Nachahmung erfordert so oder so eine Umformung im Gehirn.